Wie konnte es sein, dass die von Hans Asperger beschrieben Patienten gute Menschenkenntnisse hatten?

4 Antworten

Dazu hatte ich etwas auf Spiegel.de gelesen. So wie ich das verstanden habe, müssen die Betroffenen erst lernen, ihre Emotionen auch mit Mimik/Gestik auszudrücken, indem sie lernen, wie andere Menschen diese Emotionen ausdrücken.

Es kann schon sein, dass man bei Schwierigkeiten Gefühlsausdrücke zu lesen genauer hinschaut, wie sich sein Gegenüber verhält und dann sachlicher an gewisse Dinge herangeht, da man die mit bestimmten Gefühlen bezogenen Erwartungshaltungen sich aneignet.

Und genau dieses Deuten muss halt gelernt werden, wenn man damit nichts anfangen kann, dann wird man sich auch nicht so verhalten, wie es erwartet wird.

Gerade weil Autisten sich kaum automatisch in andere hineinversetzen, müssen sie ihre Mitmenschen schon als Kleinkind sehr genau studieren. Sie begreifen die Menschen dann nicht intuitiv, sondern mit dem Verstand. Vieles was bei Nicht-Autisten unterbewusst mitläuft, lernen Autisten mit dem Verstand.

Ein Nicht-Autist muss sich selten bewusst Gedanken darüber machen, wie seine Mitmenschen ticken, was sie fühlen oder denken. Das drängt sich ihm ja auf - aus der Körpersprache, der Mimik und dem Tonfall. Deshalb entwickelt ein Nicht-Autist im Kleinkindalter ein Konzept von Menschen das fast ausschließlich auf emotionalen Abschätzungen, eigenen Erfahrungen und Von-sich-auf-andere-schließen basiert. Begründete Menschenkenntnis, mit der man auch auf völlig fremde Leute schließen könnte, muss sich ein Nicht-Autist in späteren Jahren hart erarbeiten.

Einem Autisten hingegen drängen sich die Gefühle und Gedanken anderer anfangs überhaupt nicht auf. Die Mitmenschen sind undurchschaubar, unberechenbar oder einfach nur komisch und unlogisch.
Um zurecht zu kommen, entwickeln autistische Kinder ihr eigenes, logisches Konzept des Menschen im Allgemeinen. Regeln, Abschätzungen, äußere Merkmale für zu erwartende Verhaltensweisen ... was man eben wissen muss, um Menschen anhand rational fassbarer Muster einzuschätzen, wenn man kaum kognitive Empathie hat.

So kommt es, dass Nicht-Autisten optional Menschenkenntnis haben können, Autisten sie aber haben müssen, wenn sie in der Gesellschaft zurecht kommen wollen.

Orkarr  02.11.2013, 12:21

Grundlegend stimme ich dir zu. Wobei mir mittlerweile immer die Frage aufkommt, ob man diese "Menschenkenntnis" nicht ganz leicht manipulieren und Leute aufs Glatteis führen kann. Gerade als Aspi fällt es mir nicht schwer Gesichtsausdrücke, Gestik und Co zu imitieren und zu verfälschen. Ich kann lächeln wenn es im Kontext angebracht scheint auch wenn ich dazu gar kein bedürfnis habe und in dem Fall täusche ich Menschen etwas vor, das gar nicht da ist, um sie nicht zu verärgern. Man könnte das aber auch leicht nutzen um Menschen auf Irrwege zu führen. Und durch dieses Wissen vertraue ich der "Menschenkenntnis" nicht mehr wirklich, sie ist zu leicht zu verfälschen

Rechercheur  13.11.2013, 01:05
@Orkarr

Falsches Lächeln ist entlarvbar.

4 Patienten halte ich nicht gerade für sehr repräsentativ.

Auch unter Nicht-Autisten gibt es genügend Menschen mit mangelhafter Menschenkenntnis.

Gegenfrage - warum sollte es nicht passen? Man kann vieles lernen. Neurolinguistisches Programmieren ist eine Technik mit der auch der grösste "Stoffel" sehr gute Menschenkenntnis erlangen kann, ohne Intuition, Instinkt oder sonstwas in der Art zu haben.

Man kann gänzlich von Emotion losgelöste Psychologie betreiben, die nur auf dem Erkennen von Mustern beruht und damit sehr erfolgreich therapieren. Menschenkenntnis ist eben, wie schon gesagt wurde, nicht das Selbe wie Mitfühlen. Autisten haben keine (oder wenige) "Spiegelneuronen" und lassen sich daher vom emotionalen Zustand Anderer kaum beeinflussen, sie können ihn aber auf einer intelektuellen Ebene wahrnehmen und deuten.

Ich erinnere mich an meinen Test - beim Gesichererkennen habe ich genauso oft richtig gelegen wie ein NT. Allerdings fand die Ärztin das Ergebnis wie ich da hingekommen bin sehr interessant - ich habe Winkel von Augenbrauen und Mundwinkel, Schweissreflexionen der Haut, Falten an bestimmten Orten, die Richtung des Blickes und auch die Weitung der Nasenflügel herangezogen, objektiv betrachtet und daraus meine Schlüsse auf den emotionalen Zustand der Person gezogen. Das was ein NT intuitiv beherrscht, kann ein Aspi auf einer anderen Ebene lösen, er braucht dafür nur länger.