Wie konnte es sein, dass die von Hans Asperger beschrieben Patienten gute Menschenkenntnisse hatten?

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Menschenkenntnis != in andere hineinversetzen != Mitleid != Empathie
(!= bedeutet ungleich)

Ich zitiere mal Hans Asperger, bitte bachten, dass die dort verwendete Sprache und viele Begrifflichkeit in der Form veraltet sind.
http://www.as-tt.de/assets/applets/Asperger_Hans.pdf
Hervorhebungen von mir, damit du die Stelle schnell findest.

Verwandt mit diesem Kunstverständnis ist eine Fähigkeit, die sich ebenfalls bei autistischen Kindern häufig findet: eine besondere Selbstbeschau und eine sichere Beurteilung anderer Menschen. Während das „normale“ Kind dahinlebt, seiner selbst kaum bewußt, dabei aber ein richtig reagierender Teil der Welt, denken diese Kinder über sich nach, stehen sich selber beobachtend gegenüber, sind sich selbst zum Problem, richten ihre Aufmerksamkeit auf die Funktionen ihres Körpers.
[...]
So wie diese Kinder sich selbst beschauen, so haben sie oft auch ein erstaunlich richtiges und reifes Urteil über die Menschen der Umgebung, spüren sehr gut, wer ihnen gewogen ist und wer nicht, auch wenn er sich ganz anders gebärdet, haben ein besonders feines Gefühl für die Abnormität anderer Kinder, ja sie sind, so abnorm sie selber sein mögen, geradezu überempfindlich dafür.
Hier ist ein scheinbarer Widerspruch zu lösen, der uns aber gerade in einem wichtigen Punkt weiterbringen soll. Wir wollen zeigen, die wesentliche Abnormität der autistischen Psychopathen sei eine Störung der lebendigen Beziehungen zur Umwelt, eine Störung, welche alle Abartigkeiten erklärt. Wie verträgt sich aber eine Kontaktstörung mit jener besonderen Klarsichtigkeit, welche aus den eben geschilderten Wesenszügen spricht, wie kann ein Mensch mit gestörten Beziehungen so viel so bewußt erleben? Dieser Widerspruch ist nur ein scheinbarer.
Das normale Kind, besonders das kleinere, welches richtig in der Umweltsituation steht, richtig darauf reagiert und mitschwängt, tut das aus seinen gesunden Instinkten, kommt aber meist nicht zu bewußter Beurteilung; dazu gehört ein Abstand von den konkreten Dingen, Der Abstand vom Einzelding ist die Voraussetzung zur Abstraktion, zur Bewußtwerdung, zur Begriffsbildung. Gerade die verstärkte persönliche Distanz, ja die Störung des instinkthaften, gefühlsmäßigen Reagierens, welche die Autistischen charakterisiert, ist also in gewissem Sinn eine Voraussetzung für ihre gute begriffliche Erfassung der Welt. Wir sprechen daher von einer „psychopathischen Klarsichtigkeit“ dieser Kinder, weil wie eben nur bei ihnen vorkommt. In den günstig gelagerten Fällen bietet diese Fähigkeit, welche natürlich auch weiterhin bestehen bleibt, die Voraussetzung für eine Berufseinstellung, bedingt die besonderen Leistungen solcher Menschen, welche anderen versagt sind. Die gute Abstraktionsfähigkeit ist ja eine Voraussetzung zu wissenschaftlicher Leistung. Tatsächlich finden sich unter bedeutenden Wissenschaftlern zahlreiche autistische Charaktere. Die aus einer Kontaktstörung kommende Hilflosigkeit dem praktischen Leben gegenüber, welche den „Professor“ charakterisiert und zu einer unsterblichen Witzblattfigur macht, ist ein Beweis dafür.
Leider überwiegt nicht in allen, nicht einmal in den meisten Fällen das Positive, Zukunftweisende der autistischen Wesenszüge. Wir haben schon darüber gesprochen, daß es autistische Charaktere von sehr verschiedenem Persönlichkeitsniveau gibt: von einer an das Genie grenzenden Originalität über realitätsferne, eingesponnene, wenig leistungsfähige Sonderlinge bis zu schwerst kontaktgestörten, automatenhaften Schwachsinnigen.

Im Grunde ist es dort schon genau erklärt.
Ich bin gerade zu im Eimer, um es in eigene Worte zu fassen.

Danke fürs Raussuchen!
Das ist genau das, was ich mit meiner Antwort sagen wollte. :-)

@halbsowichtig

Ja, das merkte ich beim Lesen deiner Antwort. :-)

Erinnert mich an meine Kindheit. Ich habe etwa mit der Faust gegen Hauswände egschlagen und beobachtet was mit Hand und Mauer passiert. Schwürfwunden, Blut, der abfallende Putz und die Krümel in der Wunde. Ich habe mich damals, 8 Jahre alt, gefragt, was eigentlich Schmerz ist und warum ich Schmerz als Solchen empfinde. Ob man Schmerzreiz mit Reaktionen wie "au" oder zucken begleiten muss oder ob Schmerz nicht einfach als "interessant" beschrieben werden könnte. Ich habe mich bewusst darauf konzentriert wie die Schmerzreize durch die Nerven gehen, welche Verletzungen sich wie auswirken (hatte am Ende n Gips von der "Feldforschung") und weigere mich bis heute mich dem Schmerz zu ergeben indem ich so darauf reagiere wie es die Gesellschaft vorschreibt. Ich finde Schmerz zwar nicht schön oder erstrebenswert und reagier selbst mit Ausweichverhalten, aber um Schäden zu vermeiden. Schmerz selbst gegenüber habe ich eine neutrale Haltung als Warnmechanismus und versuche Methoden zu entwickeln mich davon nicht ablenken oder beeinflussen zu lassen. Zu dem zweck lass ich mir beim Zahnarzt auch keine Betäubung geben. Der einzige Schmerzreiz der es mir echt schwer macht ist ein offener Nerv der von diesem Luftdruckreinigungsgerät bearbeitet wird. Da verkrampf ich mich unfreiwillig im ganzen Körper und kann den Schmerz auch nicht "wegdenken" (sonst hilft Ablenkung gut) Und entzündete Nerven sind beim Schlafen im Weg. Generell finde ich jedoch die Eigenschaft sich vom Schmerz nicht rumschupsen zu lassen sehr nützlich. Wer ebstimmt denn, was mir weh tun muss und was nicht? Nur ich selbst.

@Orkarr

Ich sehe den Zusammenhang zwischen deinem Text und dem ganzen Rest hier nicht.
Was du beschreibst, ist eine verminderte Schmerzempfindlichkeit, die manche Autisten haben. Wäre sie nicht vermindert, könntest du dich nicht so frei entscheiden, wie du den Schmerz für dich nehmen willst.

Gerade weil Autisten sich kaum automatisch in andere hineinversetzen, müssen sie ihre Mitmenschen schon als Kleinkind sehr genau studieren. Sie begreifen die Menschen dann nicht intuitiv, sondern mit dem Verstand. Vieles was bei Nicht-Autisten unterbewusst mitläuft, lernen Autisten mit dem Verstand.

Ein Nicht-Autist muss sich selten bewusst Gedanken darüber machen, wie seine Mitmenschen ticken, was sie fühlen oder denken. Das drängt sich ihm ja auf - aus der Körpersprache, der Mimik und dem Tonfall. Deshalb entwickelt ein Nicht-Autist im Kleinkindalter ein Konzept von Menschen das fast ausschließlich auf emotionalen Abschätzungen, eigenen Erfahrungen und Von-sich-auf-andere-schließen basiert. Begründete Menschenkenntnis, mit der man auch auf völlig fremde Leute schließen könnte, muss sich ein Nicht-Autist in späteren Jahren hart erarbeiten.

Einem Autisten hingegen drängen sich die Gefühle und Gedanken anderer anfangs überhaupt nicht auf. Die Mitmenschen sind undurchschaubar, unberechenbar oder einfach nur komisch und unlogisch.
Um zurecht zu kommen, entwickeln autistische Kinder ihr eigenes, logisches Konzept des Menschen im Allgemeinen. Regeln, Abschätzungen, äußere Merkmale für zu erwartende Verhaltensweisen ... was man eben wissen muss, um Menschen anhand rational fassbarer Muster einzuschätzen, wenn man kaum kognitive Empathie hat.

So kommt es, dass Nicht-Autisten optional Menschenkenntnis haben können, Autisten sie aber haben müssen, wenn sie in der Gesellschaft zurecht kommen wollen.

Grundlegend stimme ich dir zu. Wobei mir mittlerweile immer die Frage aufkommt, ob man diese "Menschenkenntnis" nicht ganz leicht manipulieren und Leute aufs Glatteis führen kann. Gerade als Aspi fällt es mir nicht schwer Gesichtsausdrücke, Gestik und Co zu imitieren und zu verfälschen. Ich kann lächeln wenn es im Kontext angebracht scheint auch wenn ich dazu gar kein bedürfnis habe und in dem Fall täusche ich Menschen etwas vor, das gar nicht da ist, um sie nicht zu verärgern. Man könnte das aber auch leicht nutzen um Menschen auf Irrwege zu führen. Und durch dieses Wissen vertraue ich der "Menschenkenntnis" nicht mehr wirklich, sie ist zu leicht zu verfälschen

@Orkarr

Falsches Lächeln ist entlarvbar.

Gegenfrage - warum sollte es nicht passen? Man kann vieles lernen. Neurolinguistisches Programmieren ist eine Technik mit der auch der grösste "Stoffel" sehr gute Menschenkenntnis erlangen kann, ohne Intuition, Instinkt oder sonstwas in der Art zu haben.

Man kann gänzlich von Emotion losgelöste Psychologie betreiben, die nur auf dem Erkennen von Mustern beruht und damit sehr erfolgreich therapieren. Menschenkenntnis ist eben, wie schon gesagt wurde, nicht das Selbe wie Mitfühlen. Autisten haben keine (oder wenige) "Spiegelneuronen" und lassen sich daher vom emotionalen Zustand Anderer kaum beeinflussen, sie können ihn aber auf einer intelektuellen Ebene wahrnehmen und deuten.

Ich erinnere mich an meinen Test - beim Gesichererkennen habe ich genauso oft richtig gelegen wie ein NT. Allerdings fand die Ärztin das Ergebnis wie ich da hingekommen bin sehr interessant - ich habe Winkel von Augenbrauen und Mundwinkel, Schweissreflexionen der Haut, Falten an bestimmten Orten, die Richtung des Blickes und auch die Weitung der Nasenflügel herangezogen, objektiv betrachtet und daraus meine Schlüsse auf den emotionalen Zustand der Person gezogen. Das was ein NT intuitiv beherrscht, kann ein Aspi auf einer anderen Ebene lösen, er braucht dafür nur länger.

Dazu hatte ich etwas auf Spiegel.de gelesen. So wie ich das verstanden habe, müssen die Betroffenen erst lernen, ihre Emotionen auch mit Mimik/Gestik auszudrücken, indem sie lernen, wie andere Menschen diese Emotionen ausdrücken.

Es kann schon sein, dass man bei Schwierigkeiten Gefühlsausdrücke zu lesen genauer hinschaut, wie sich sein Gegenüber verhält und dann sachlicher an gewisse Dinge herangeht, da man die mit bestimmten Gefühlen bezogenen Erwartungshaltungen sich aneignet.

Und genau dieses Deuten muss halt gelernt werden, wenn man damit nichts anfangen kann, dann wird man sich auch nicht so verhalten, wie es erwartet wird.

4 Patienten halte ich nicht gerade für sehr repräsentativ.

Auch unter Nicht-Autisten gibt es genügend Menschen mit mangelhafter Menschenkenntnis.

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