Sind die Schmerzen im Fersensitz (Seiz) bei der Zen-Meditation schädlich oder kann man sie ignorieren?

3 Antworten

Ich bin Zen-Buddhist und gebe dazu mal meinen Senf ab:

Schmerzen als Indikator für den Körper

Ein Schmerz im Körper macht grundsätzlich immer auf ein Problem aufmerksam, ist also ein Warnsignal.

Schmerzen können jedoch auch dann auftreten, wenn der Körper bestimmte Bewegungsmuster nicht gewohnt ist - Muskelkater wäre ein Beispiel.

Das bedeutet nicht, dass diese Bewegungen grundsätzlich schädlich sind -  der Körper ist jedoch nicht auf sie vorbereitet und so können zB feine Muskelrisse zu Schmerzen führen.

Ist bespielsweise der "Schneidermuskel" (musculus sartorius) nicht ausreichend gedehnt, kann das verschränken der Beine schmerzhaft sein, weshalb manche zum Seiza wechseln..

Schmerz ist also bis zu einem bestimmten Grad nicht ungewöhnlich. Viel davon legt sich mit längerfristiger Übung.

Schmerzen als  Indikator für den Geist

Da jeder Mensch eine unterschiedliche "Tagesform" hat, treten Schmerzen aber auch bei jahrzehntelanger Zazen-Praxis immer wieder auf.

Selbst wenn man vorher Dehnübungen macht, ist das kein Garant für schmerzfreies Sitzen, da Beschwerden nicht nur durch den Körper entstehen.

Beim Zazen spiegeln sich Körper und Geist gegenseitig.

Ist man geistig angespannt, kann das zu Spannungen im Körper führen, selbst wenn man sich physisch gut auf das Zazen vorbereitet hat.

Ist der Körper gut vorbereitet, wirkt sich das positiv auf den Geist aus und so kann es nach anfänglichen Schmerzen schließlich doch zu einem angenehmen Zazen kommen.

Schmerzen beim Seiza

Schmerzen beim Seiza entstehen meist durch die Spannung in den Oberschenkeln und durch das Gewicht des Körpers auf Unterschenkel und Fersen.

Deshalb macht es auch beim Seiza durchaus Sinn, ein festes Kissen zu Nutzen, weil dadurch Gewicht von den unteren Extremitäten genommen und die Spannung in den Oberschenkeln reduziert wird.

Wer Kampfkünste mit Techniken im Kniesitz, oder beispielsweise japanische Künste wie Chado (Teeweg) und Kado (Blumenweg) im Seiza übt, ist diese Haltung besser gewohnt und entwickelt deswegen weniger Schmerzen.

Umgang  mit Schmerzen

Anhand dessen was ich bereits gesagt habe wird deutlich, das Schmerzen mehrere Ursachen haben können - mangelnde Gewöhnung, falsche Haltung, körperlich-seelisches Ungleichgewicht.

Einfache Schmerzen während des Zazen lassen sich akzeptieren. Manchmal reichen bereits kleine Änderungen der Haltung, um sie verschwinden zu lassen.

Auch das "Ausatmen" von Schmerzen kann helfen. Wenn man seine Aufmerksamkeit auf die Ausatmung richtet, kann das verspannte Partien im Körper lösen.

Schwerwiegende und anhaltende Schmerzen sind dagegen ein Zeichen dafür, dass es dem Körper wirklich nicht bekommt und man sollte dann durchaus die Haltung ändern.

Schmerzen vermeiden

Auch wenn es vielleicht überflüssig erscheinen mag, das hier zu erwähnen: Zazen ist keine Kasteiung. Es wirkt durch seine festgelegte Haltung vielleicht martialisch, sein Ziel ist es jedoch nicht, einen inneren Kampf auszutragen.

Grundsätzlich sollte Zazen so schmerzfrei wie möglich sein.

Falls du aus gesundheitlichen Gründen tatsächlich keinen der Sitzhaltungen mit verschränkten Beinen einnehmen kannst - Voller Lotossitz, Halber Lotossitz, oder burmesische Haltung - sollte der Seiza möglichst angenehm sein.

Hierzu sind wie gesagt ein festes Kissen, oder ein Meditationsbänkchen hilfreich. Ich persönlich würde ein Kissen bevorzugen, da es sich besser an Größe und Gewicht der Person anpasst.

Eigentlich empfehle ich immer, sich lieber an die Sitzpositionen mit verschränkten Beinen heranzuarbeiten. Diese sind bei langem Sitzen besser geeignet, als Seiza.

Der Faktor Zeit spielt ebenfalls eine Rolle.

Man sollte es mit seiner Eifrigkeit bei der Meditation nicht übertreiben. Für den Anfang ist es nicht erforderlich, gleich 25 Minuten zu sitzen. Bereits zehn Minuten sind, insbesondere für einen Beginner, sehr anspruchsvoll.

Gerade beim Seiza würde ich auf die Zeit achten, da es wie gesagt meiner Meinung nach nicht die beste Haltung für längeres Zazen ist.

Weitere allgemeine Hinweise zum Zazen - Haltung, Hände, Geisteshaltung - habe ich hier schon einmal erklärt. Vielleicht ist es ja auch hilfreich für dich:

https://www.gutefrage.net/frage/meditieren-habt-ihr-tipps-fuer-mich?foundIn=answer-listing#answer-171172249

Solltest du noch Fragen haben, helfe ich gerne weiter.

Woher ich das weiß:Eigene Erfahrung – Mehr als 20 Jahre Praxis buddhistischer Meditation

wow danke für die ausführliche antwort!

@andreasbdr

Kein Problem, ich bin zum Helfen da. :-)

Leider gibt es nach meiner Erfahrung noch immer die Meinung, dass Schmerzen beim Sitzen den Kick liefern können,  der ein "Durchbrucherleben" befördert.

Zu den klugen und ausgewogenen Ausführungen von "Enzylexicon" möchte ich nur noch den knappen Hinweis anfügen, dass schmerzende Knie unbedingt beachtet werden solllten!

Eine veränderte Sitzhaltung - etwa Fersensitz statt halbem Lotussitz - ist dann angesagt.

Knieoperationen sind bei Meditierenden gar nicht so selten.

Und flapsig füge ich hinzu:

Was bringt die schönste Erleuchtung wenn die Knie kaputt sind?


Entschuldigung: Du meintest ja die Schmerzen im Fersensitz. Natürlich sollte  man auch die keinesfalls ignorieren. Alternativ gibt es ja die Meditationsbänke und in der Gruppe, die ich besuche, sitzen auch mehrere Teilnehmer auf Stühlen.

Noch nie gehört frage deinen Zen Meister es gibt auch Zen Organisationen schau mal im Web nach

Was möchtest Du wissen?