Ethik in der Psychotherapie: Selbstoffenbarung Psychotherapeutin?

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Hallo Nil96,

was du da mit deiner Therapeutin erlebst, ist aus meiner Sicht eine sehr erfolgreiche Art der Psychotherapie.

Eine Therapie, bei der die Hierarchie zwischen Therapeut und Klient dauerhaft erhalten bleibt, was keinerlei Augenhöhe und damit auch keinen authentischen Kontakt ermöglicht, taugt aus meiner Sicht nur sehr wenig.

Die entscheidenden Veränderungen passieren beim Erleben des Neuen und nicht über die vermeintliche Vernunft und gute Vorsätze.

Schön, wie ihr miteinander arbeitet...

Hallo Chinama, vielen lieben Dank. Das ist auch sehr menschlich von ihr finde ich, was ich an meiner Therapeutin sehr sehr schätze. Und durch ihre Selbstoffenbarung werde ich mich sicher noch mehr öffnen, so wie ich das Bild, was sehr schmerzlich für mich ist ihr geben könnte, sie akzeptiert bzw.respektiert hat, dass ich es erst mal nicht anschauen möchte, mich aber dazu bringen konnte, über das Bild und die Gefühle zu sprechen. Man lernt dadurch, dass wir alle unsere Gefühle zulassen dürfen, was sie mir jetzt vorlebt, indem sie sich ja auch öffnet.

Ich finde Therapeuten, die hin und wieder etwas von sich preisgeben, über ihre Gefühle ehrlich und offen sprechen authentischer und menschlich wärmer als zugeknöpfte Therapeuten. Außerdem fühle ich mich besser verstanden, „normaler“ und weniger allein. Man spürt, dass dass mein Gegenüber einen vertraut und entwickelt daraufhin selbst mehr Vertrauen zum Therapeuten, was dem Arbeitsbündnis zugutekommt. Darüber hinaus öffnet man sich und wird auskunftsfreudiger, wenn es der Therapeut auch ist. 

Ich hatte ihr auch darüber berichtet, dass ich vor meiner Schwester weinen kann, ohne einen Druck zu spüren, dass es einfach kommt und ich meine Gefühle zulassen kann, ohne Scham und Angstgefühle zu haben, da sie es auch vor mir tut.

Darf ich dich bitte fragen, woher du erkannt hast, dass was ich mit meiner Therapeutin erlebe, eine sehr erfolgreiche Art der Psychotherapie ist?

Wie findest du es, dass sie geäußert hat, dass sie eine ruhige Person ist und die Übung auch für sie neu ist und es nicht mag, laut zu sein und im Mittelpunkt zu stehen, da sie eine ruhige Person ist? Ich mag es auch nicht laut zu sein, aufzufallen , da ich eine ruhige Person bin. Und dass sie mir in der nächsten Stunde, also morgen, auch über ihre Gefühle berichten wird, was sie erlebt hat und wir uns abwechseln werden.

Ich hatte ihr gesagt, dass ich es sehr toll finde, dass sie es mir so offen und ehrlich mitteilt, da ich dadurch weiß, dass ich nicht allein damit bin und sie die Situation ja selbst kennt und weißt, wie es sich anfühlt und dass ich ihre Selbstoffenbarung als "Stärke" empfinde.

Ich danke dir sehr für deine Nachricht.

@Nil96

Ich arbeite viel mit Menschen und weiß, dass eine Arbeit ohne wirklichen Kontakt sinnlos ist. Das Schlimmste ist die Psychoanalyse, bei der nicht mal Blickkontakt zum Therapeuen besteht. Aus meiner Sicht ist es eine Wiederholung der Kränkung des Verlassenwerdens. Pearls, der Begründer der Gestalttherapie machte jahrelang eine Psychoanalyse mit. Er redete 50 Minuten, der Analytiker sagte nichts, außer dass er das Ende der Begegnung mit dem Scharren der Füße einleitete, worauf der Klient wortlos und ohne Händeschütteln ging. Das passierte 3 mal in der Woche...

Aus meiner Sicht ist die These, dass der Therapeut eine "weiße Projektionsfläche" sein muss, um Übertragung und Gegenübertragung zu vermeiden, der völlige Unsinn. Sie schützt zwar den Therapeuten, aber dem Klienten, um den es ja geht, hilft das gar nicht. Er könnte ebenso zu Hause mit einem weißen Laken reden.

@Chinama

Wow, tolle Erklärung. Ich halte auch nichts von der Psychoanalyse. Das würde ich niemals machen. Ich würde nur gegen eine Wand sprechen und habe keinen echten Kontakt zu meinem Therapeuten. Das wäre eine Qual.

In meiner Therapieausbildung gibt es die Intervention der selektiven Offenheit. Man darf also, wenn es angebracht ist, durchaus etwas von sich zeigen, aber sorgfältig ausgewählt. Und nur dann, wenn es gerade passt und auch zu dem Patienten passt. Zuviel Offenheit kann nämlich auch den Patienten überfordern. Es hängt also vom Einzelfall ab. Ich werde ganz bestimmt keinen Patienten mit meinen Sorgen behelligen.

Ich erzähle gewiss keine intimen Sachen von mir, aber wenn eine Patienten von Phobien spricht, sage ich manchmal, dass auch ich eine Phobie habe (Schlangen). Man darf sich ruhig als Mensch darstellen. Manchmal ist es auch gut, etwas über sich zu erzählen, wenn z.B. ein Patient übermäßig hohe Erwartungen an sich hat.. Mir hatte vor einiger Zeit eine Frau, die ich aber schon länger kenne, erzählt dass sie stets sehr unglücklich sei, wenn ihre minderjährige Tochter, die beim Vater in Sizilien lebt, nach den Ferien wieder nach Hause fliegt. Sie verurteilte sich dafür, weil sie meinte, das Loslassen nicht zu schaffen. Dann erzähle ich ihr, dass auch ich in so einem Fall Rotz und Wasser heulen würde - ganz einfach, um ihr klarzumachen, wie normal ihre Gefühle sind.

Ich halte nichts von der psychoanalytischen Abstinzenzregel, wo der Therapeut nichts von sich preisgibt.
Aber man muss natürlich wissen, wie es geht. Der Patient darf niemals Abladestation für eigene Sorgen werden! Niemals. Das wäre Missbrauch des Patienten.

Ich kann mich noch gut erinnern, wie ich in Lehrtherapie war. Mein Lehrtherapeut wohnte in einem großen Mietshaus oberhalb von seiner Praxis. Ich war schon lange bei in Therapie. Er erzählte mir dann eines Wintertages, dass er über das Wochenende in sein Wochenendhaus ins Sauerland führe. Ich hatte Montags wieder einen Termin, und er meinte, es könnte sein, dass er sich - je nach Verkehr und Schneelage - etwas verspäten könne. Aber sein erwachsener Sohn könne mich in seine Wohnung lassen, damit ich nicht erfrieren müsse. Das habe ich abgelehnt, das war mir zu nah. Ich liebte ihn unendlich, das wollte ich nicht. Ich bin dann stattdessen lieber in ein Café gegangen. (Er war aber pünktlich).

Meine jetzige Therapeutin macht das auch manchmal, und ich erlebe es auch als hilfreich. Manche meiner früheren Therapeuten hatten das aber vermieden, weil sie glaubten, dass Therapeuten (aus therapeutischem Grund) nichts über sich erzählen dürfen.
Das Wichtigste ist doch, dass dir die Methode deiner Therapeutin hilft. Noch besser ist es m. E. wenn du auch noch verstehst, warum es dir hilft. Und am allerbesten wäre es, wenn du selber darauf kommst. Vielleicht brauchst du einen kleinen Tipp? Das "Spiegeln" des Klienten ist eine hilfreiche Methode, um ihm/ihr zur Selbsterkenntnis und Selbstakzeptanz zu verhelfen. Das machen befreundete Menschen außerhalb einer Therapie auch manchmal untereinander. Indem eine andere Person mit ihren Persönlichkeitsanteilen, die man selber auch hat, offen umgeht, kann man vom Anderen lernen, sich selbst damit auch zu akzeptieren. Das Paradoxe ist, dass sich Unangenehmes dadurch wandeln kann. Die Beschwernis fällt weg wenn man innerlich "ja" zu dem sagt, was man eigentlich anders haben möchte.
In meinem Fall hatte ich bemerkt, dass meine Therapeutin immer genau beobachtete, wie ich auf ihre Selbstoffenbarung reagierte. Ich glaube, das ist wichtig, denn wenn der Klient darauf mit Ablehnung reagiert, ist Selbstoffenbarung wohl nicht sinnvoll, - meine ich jedenfalls. Ich reagiere darauf aber immer mit Verständnis und Mitgefühl, es hilft mir, mein Herz zu öffnen. Und bei dir ist es anscheinend auch so. Schön, es freut mich, dass du eine gute Therapeutin für dich gefunden hast! Solche Vetrauensmomente sind wichtig bei einer Therapie, und es wäre zu wünschen, dass du noch daran denkst wenn es mal schwierig wird. (Schwierige Phasen sind normal bei einer guten Therapie.)

Woher ich das weiß:eigene Erfahrung

Wow, ich danke dir für deine ausführliche Nachricht und , dass du mir über deine Selbsterfahrung berichtet hast. Meine Therapeutin hat mich auch gefragt, was ich dazu denke, als sie mitteilte, dass sie eine ruhige Person ist und es nicht mag, laut zu sein, da sie sich bei der Übung unsicher gefühlt hatte, wollte ich würde gerne wissen, woran das lag. Daraufhin habe ich auch positiv reagiert.

Ich habe keine Erfahrung, könnte mir aber Vorstellen, das es eine sehr gute Methode ist. Viele mussten lernen ihre Gefühle zu verstecken oder haben gelernt, dass sie etwas schlechtes sind.

Um da raus zu kommen, denke ich geht es nur wenn jemand zeigt wie es geht und es ok ist.

Ganz genau. Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass eine Therapeutin über ihre Gefühle berichten muss.

@Nil96

Ich denke du hast Glück. Das macht man wohl so ehrlich nur eins zwei Mal.Danach ist esf ür die Therapeuten Routine und es kommt anders rüber. Sind ja auch nur Menschen.

@2AlexH2

Wie meinst du es? So lange man professionell bleibt ist alles in Ordnung.

@Nil96

Sicher, aber sie wird nur diesmal wirklich Angst haben. Wenn man es 20 Mal gemacht hat, fällt es leichter. Sie ist ja auch nur ein Mensch, und die Körpersprache (fast) immer ehrlich, und die kriegst du natürlich mit. Körpersprache macht 60% der Kommunikation aus, auch wenn uns das nicht bewusst ist.

@2AlexH2

Sicher aber sie wird nur diesmal wirklich Sogst haben, wenn man es 20 Mal gemacht hat, fällt es leichter. Sie ist ja auch nur ein Mensch, und die Körpersprache (fast) immer ehrlich.

Sollte es in Zeile 2 "Angst" heißen?

@Nil96

Genau ;-)

@2AlexH2

Warum meinst du, dass sie wirklich "Angst" haben wird?

@2AlexH2

Gehe mal davon aus, dass ein emotional kompetenter Therapeut keine Angst hat, sich mit seiner Verletzlichkeit zu zeigen. Ein Theraüeut sollte niemals Angst vor der Angst des Klienten haben. Nicht, weil er sie unterdrückt oder versteckt, sondern weil sie in seinem Weltbild gar keinen Platz mehr hat.

Was veranlasst dich, Inhalte deiner Therapie hier zu schildern?
Ich bin etwas verwundert darüber ...

So lange ich, meine privaten Daten nicht preisgebe, wie z.B. Name ist alles ok.

Ich finde es nur interessant, wie andere damit ijre Erfahrungen machen konnten, ob es ihnen geholfen hat etc.?

@Nil96

Okay ... Dir hat es offenbar gut getan, bzw. es erleichtert, dich selbst einzubringen. Das ist doch eigentlich das Entscheidende, oder?

@Tamtamy

Wie meinst du es?

@Nil96

Nun, wichtig ist nicht, wie ANDERE es erlebt haben, sondern entscheidend ist doch, wie es für DICH war.

@Tamtamy

Na klar. Es ist nur mal interessant zu wissen, wie andere die Methode erlebt haben und zu der Methode Selbstoffenbarung denken?

Psychotherapie Thema Bedürfnis nach Nähe und Umhüllung?

Hallo zusammen,

derzeit geht es bei mir in der Psychotherapie, dass mir das Bedürfnis nach Nähe und Umhüllung fehlt/ inneres Kind ( ich mache eine Verhaltenstherapie) um die verletzten Anteile sowie, Gefühle und Bedürfnisse, die nicht erfüllt wurden. Ich schäme mich aber, dass ich das Gefühl habe und habe fest in mir verankert, dass das ein kindliches Gefühl ist, obwohl ich weiß- dass es eines unserer Grundbedürfnisse ist. 

Eine Erfahrung kann ich nicht vergessen: ich hatte mich mal mit ca. 14-15 Jahren an meine Mutter herangekuschelt, als sie auf dem Sofa lag. In dem Moment hat sie mich weggeschubst und körperlich abgelehnt. Sie hat sich dann wieder hingesetzt. Das hatte mich so sehr verletzt. Ich hatte danach bitterlich geweint. 

Von meiner Therapeutin habe ich sehr viel Halt, Vertrauen und Akzeptanz, Mut, Stärkung, Zuspruch, Ansprache, sowie Sicherheit/ Geborgenheit erfahren. Meine Therapeutin wurde meine wichtigste Bezugsperson in meinem Leben.

Manchmal kommen Gedanken wie, "reiß dich zusammen", "du bist alt genug". "Du bist nicht mehr das kleine Kind". Darüber spricht man nicht. Behalte es für dich. Was wird man von mir denken?" Das ist beschämend"! Ich hatte vielleicht das Gefühl diese Nähe nicht wert zu sein, nicht liebenswert zu sein. Im Groben und Ganzen habe ich gelernt, ich darf keine Nähe suchen. Das ist schmerzhaft. Ich glaube, dass ein solches Schämen von einem Gefühl her kommt, nicht die Nähe wert zu sein - was im Moment der Ablehnung entsteht. 

Was würdet ihr mir empfehlen? Ich möchte mich wirklich jetzt in der nächsten Sitzung öffnen und zulassen, über diese Themen zu sprechen. Mir hilft es meistens mit kreativen Methoden mich auszudrücken. Im Winter ging es viel um das innere Kind, da hatte ich Bilder zum inneren Kind gemalt. Vielleicht können wir das Thema mit den Bildern verknüpfen. Oder ich hatte Holzkugeln in verschiedene Farben ausgemalt in rot, schwarz, rosa und grün, was die verschiedenen Gefühle ausdrücken. Damit sind wir gut ins Gespräch gekommen.

Es ist mir schwer gefallen bei Fragen weiter zu sprechen, als sie mir gefragt hat, welches Bedürfnis hast du genau? Ist das eine Umarmung, wie äußert sich das Bedürfnis nach Nähe bei dir, in welcher Situation spürst du das? Ich war leider distanziert, um mich zu schützen. Ich glaube das tue ich, um mich vor den verletzlichen Gefühlen und vor Zurückweisung zu schützen. 

Es gab viele Momente, in dem mir die Nähe, der sich ein Kind sehnt, gefehlt hatte. Das sind so Dinge:" etwas vorlesen, oder nur beim Einschlafen dazusein. " Oder, dass ich diese Nähe heute nicht mehr fühlen und suchen kann. Dabei sind die Grundbedürfnisse, nach Nähe, Ansprache, Gesehen werden, Liebe, Geborgenheit, Halt, Wärme und Berührung auch da. Manchmal fühlt sich das wie eine Sehnsucht an. 

Bitte keine Empfehlungen, wie Kuschelpartys etc. davon halte ich nichts!!

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