Zwangsgedanken / Wissensdrang?

3 Antworten

Was hältst du davon, dieses Problem einmal mit einem Psychiater zu besprechen? Ich glaube, du hast recht, es hat etwas Zwanghaftes, und ich kann mir vorstellen, dass dein Leidensdruck beträchtlich ist deswegen. Es könnte sehr schwierig sein, das allein in den Griff zu bekommen und diese Gedanken einfach „abzustellen“, aber es gäbe wahrscheinlich schon therapeutische oder auch medikamentöse Hilfe.

Also bevor du zu einem Psychiater oder Psychologen rennst, mach mal locker.

Mir geht es genau so, nur in einem anderen Bereich, und nicht nur für Stunden, sondern Wochen und Monate. Will ich z.B. eine Story schreiben, die vor 150 Jahren bei den Inuit spielen soll, muss das ja auch authentisch sein. Also muss ich dazu recherchieren. Mal eben da hin reisen bringt es nicht, denn die leben inzwischen gar nicht mehr wie vor 150 Jahren. Also muss ich andere Quellen suchen: Internet, alte Forschungsberichte etc.

Welche Ressourcen hatten sie, historische Zusammenhänge eruieren ... Wie und womit haben die sich gekleidet, wovon haben die gelebt etc. Die haben ja nicht nur im Iglu gehockt und Felle durchgekaut, und zwischendurch auch mal einen Steifen Robbenfleisch. Das langt nicht zum Übeleben. Wie konnten sie ohne Metalle Schlitten, Kajaks ... bauen, die nicht gleich zusammenbrachen ... Wie sah ihr religiöses "Verständnis aus"? Welche Wertvorstellungen hatten sie, Ethik, Moral ...? Welche Rituale hatten Sie? Wie fanden Ehepaartner zusammen? Wie sah ihre Kindererziehung aus? ...

Ein paar grausame Gesetze: Das erste Kind musste ein Sohn sein (ihre Rentenversicherung), ein Mädchen musste von der Frau gleich nach der Geburt eigenhändig umgebracht werden. Pflegeversicherung, Altersheim gab es nicht. Wer zu alt und gebrechlich wurde, ging so weit fort wie er kam und setzte sich zum Sterben auf Eis. Wenn ein Teilnehmer der Jagdtruppe mit seinem Schlitten ins Wasser stürzte, wurde der Schlitten herausgezogen und dem Mann fürs nächste Leben alles Gute gewüscht. Für die anderen ist er dann schon ein Toter Mann, weil sie wissen, dass sie ihn nicht retten können - Für Inuit damals total normal.

Erst aus all dem zusammengenommen kann ich mir zuletzt ein Bild von meinen Protagonisten machen, mich in deren Gedankenwelt hineinversetzen. Sie sind ja in ihre Sozialstrukturen eingebunden, ihr Alltag bestimmt sich aus deren Erfahrungen, ihre Weltanschauung, ihr Wertesystem, ist in ihrer speziellen Umwelf tradiert usw.

Und was passiert bei solcher Recherche in meinem Kopf? Ich sammle da ausschließlich Sachinformationen zusammen. Sie haben nichts mit meinem, oder überhaupt dem wirklichen Leben zu tun. Es türmt sich ein Sammelsurium von Stichworten auf. Und wenn ich über ein weiteres Stichwort stolpere, das vielleicht irgendwie auch noch ins Thema passen könnte, greife ich es auf. Es kommt vor, dass ich plötzlich feststelle, dass ich da was über Amazonas-Indianer lese, bis ich merke, dass ich da auf einem Holzweg bin. Manchmal habe ich das Gefühl, mit meiner Recherche nie zu einem Ende zu kommen.

Das liegt wohl vor allem an der leichten Verfügbarkeit von Informationen heutzutage. Es ist doch alles nur noch einen Mausklick entfernt. Vor dem Internet hätte ich mich wochenlang täglich in eine öffentliche Bibliothek begeben und mir Notizen machen, und parallel das Antiquariat nach geeigneter Literatur durchforsten, und die auch noch lesen müssen. Da hätte ich mich wohl nach zwei Wochen schon einmal gefragt, ob ich denn wirklich da noch einmal hin muss, denn den vorhandenen Festmeter Literatur habe ich doch eigenlich durch, oder?

Und dann passieren in meinem Kopf auch offline merkwürdige Dinge. Beim Kuchenbacken nehme ich keinen Messbecher, sondern zähle esslöffelweise die Zutaten zur Butter hinein. 10 EL Zucker sind 250 g - verschlagen - dann einzeln die 5 Eier - zähle ich mit, damit ich mich nicht vertu. Dann soll ein Fläschchen Mandelöl hinein. Dazu muss ich die schlanke Phiole kräftig nach unten schlagen, damit was herauskommt. Eins, zwei, drei, vier - Soon Quatsch! Ich habe keinen Zählzwang, ich führe da nur eine Routine unnötigerweise fort.

Und hier kommen wir zu dir und deiner Informationsgier. Das hast du dir auch angewöhnt, denn die Technik macht's möglich. Dein ganzes Studium ist ja nichts andres, als das Suchen und Zusammentragen von Informationen bis ins Kleinste, die du verstehen und sinnvoll, schlüssig in Zusammenhang bringen musst. Und aus Quatsch machst du das sogar offline weiter. Sic!

Woher ich das weiß: eigene Erfahrung

Ich denke mal, du bist zu wenig ausgelastet und hast zuviel Zeit oder nimmst dir zuviel Zeit, dich mit nichtigen Dingen zu beschäftigen. Lerne, dich auf die wichtigen Dinge im Leben zu konzentrieren und deine ganzes Augenmerk auf deine Konzentration zu richten. Schluss ihr blöden Gedanken, ich habe jetzt Wichtigeres zu tun.

Im Übrigen solltest du dich mehr damit beschäftigen, wie du was wieder weg bekommst und verschiedene Dinge ausprobieren. Was hilft, das mach weiter und was nicht hilft, lässt du wieder sein.

Es bringt gar nichts, alles bis ins Detail erforschen zu wollen, das können sogar die meisten Ärzte nicht. Jeder Körper ist anders und reagiert anders. Also lerne wie dein Körper reagiert und handle danach.

Seit ich das mache, geht es mir bestens und ich freue mich, wenn ich wieder was weg habe!

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