Frage von Soulbottle69, 105

Sollte ich eine Therapie in Anspruch nehmen?

Ich frage mich derzeit, ob ich eine Therapie in Anspruch nehmen sollte.

Kurz zu mir. Ich hatte einen alkoholabhängigen Vater, der vor einpaar Jahren deshalb gestorben ist. Wobei ich dazu sagen muss, dass ich kurz vor seinem Tod mit ihm abschließen konnte, weil ich, bevor es alles so weit kam, meine Vater wirklich geliebt habe. Es war alles nicht besonders leicht, bspw. hat er mich als Kind einmal angefleht, ihm den Finger abzuschneiden, mir ein Messer in die Hand gedrückt und es angesetzt. Zu der Zeit hatte er eine ziemlich starke Psychose. Die ganzen Jahre über hat sich in mir sehr viel Wut und Hass angestaut. Ich vermute, dass sich dadurch eine Störung entwickelt hat..oder irgendwas, dass mich anders denken/Handeln lässt, als normale Menschen. Noch vor ca. 2 Jahren hatte ich ca. alle 3 Monate eine Art "Loch" in das ich gefallen bin, wollte alleine sein, musste weinen, habe mir selbst eingeredet, dass alle mich hassen und verabscheuen und hatte unkontrollierte Wutausbrüche . Dazu kam ein ganz furchtbares Gefühl von Leere, und das ständige Fragen, nach dem Sinn oder danach, wer ich wirklich bin...Vor einer Weile - eben diese 2 Jahre, bin ich umgezogen, neue Stadt, neue Menschen. Ich habe angefangen Nähe zuzulassen und gemerkt, wie schön es sein kann, Menschen zu vertrauen, Spaß zu haben. Aber seitdem bin ich immer öfter in diese "Löcher" gefallen. Je intensiver der Kontakt wurde, desto heftiger wurden meine Stimmungsschwankungen. Und ich bin einfach nicht in der Lage das zu kontrollieren, jetzt hab ich das fast jede Woche. Ich weine aus mir unbekannten Gründen, werde unglaublich wütend wegen irgendwelcher Lapalien und denke, wenn sich jemand nicht bei mir meldet, dass alle mich verstoßen und im Grunde nicht bei sich haben möchten. Es ist belastend und frustrierend, weil ich weiß wie toll die Menschen sind, die ich um mich habe. Außerdem stelle ich mir seit einiger Zeit die Frage nach der Wirklichkeit - ist mir das alles wirklich passiert, hab ich das vielleicht nur geträumt oder in einem Film gesehen. Totaler Quatsch, weil es passiert ist, aber dennoch kommen die Fragen auf. Ein weiteres Problem für mich ist, dass ich mich nicht komplett an meine Kindheit erinnern kann, es sind nur kurze Fragmente die aufflackern, wenn ich versuche in meinem Kopf rumzustochern und zu suchen und ich würde mich gern wieder an alles erinnern, egal ob gut oder schlecht.

So, kommen wir aber mal zu dem Grund, weshalb ich überhaupt über eine Therapie nachdenke. Ich habe seit einpaar Monaten einen Freund. Er ist der wunderbarste Mensch den ich kenne und es ist die erste Beziehung, die ich wirklich ernst nehme, in der ich Vertrauen will und an der ich festhalten möchte. Ihm möchte ich alles erzählen, wobei er der erste ist. mit dem ich tatsächlich schon über einiges aus meiner Vergangenheit geredet hab. Ich möchte die Freundin sein, die er verdient!

Stellt sich abschließend also die Frage: Brauche ich eine Therapie? Ist es ratsam, nützt es mir? Danke schonmal!

Antwort
von alessam, 60

Hallo Soulbottle,

Auch ich bin der Meinung, dass du eine Therapie machen sollst. Somit wirst du auch alles mit deinem Freund besser zu lassen können.

Es werden sich in dir einige Emotionen und Erinnerungen festgesetzt haben, dadurch deine Stimmungsschwankungen und Wutausbrüche.

Es ist aber gut, dass du einen Partner gefunden hast, dem du auch alles erzählen willst, dass wird dir auch gut tun.

Antwort
von evistie, 57

Ja, ich glaube, dass Du eine Therapie brauchst.

Du hattest eine sehr belastete Kindheit, und auch, wenn Du noch mit Deinem Vater abschließen konntest, sind gewiss etliche Traumata unverarbeitet geblieben. Du merkst es an Deinen unerklärlichen und unkontrollierbaren Stimmungsschwankungen.

Du konntest aus eigener Kraft bereits einige "Baustellen" entschärfen. Ich freue mich für Dich, dass Du einen Partner gefunden hast, dem Du vertraust und dem Du Dich öffnen willst. Andere schaffen es nicht, sich aus der Isolation zu lösen, in die sie eine traumatische Kindheit geschickt hat. Du aber scheinst eine gewisse innere Stärke zu besitzen, die Dir bereits weitergeholfen hat und auch weiterhin wird. Es ist keine Schande, sondern klug und verantwortungsvoll, diesen "Bodensatz" an unbewältigten Gefühlen jetzt mit ärztlicher Hilfe endgültig trockenzulegen - Dir und Deiner Partnerschaft zuliebe.

Ich wünsche Dir alles erdenklich Gute auf dem Weg zu einer gesunden Psyche und einer unbelasteten, glücklichen Partnerschaft!

Antwort
von AliceF, 25

Wenn Du das Gefühl hast, dass es Dich einnimmt und Dich nicht leben lässt, hast Du wahrscheinlich eine Traumatisierung. Es ist dann ratsam eine spezielle Traumatherapie.
Was für Nutzen Du davon hast, kann von vorne rein niemand vorhersagen. Eins kann ich Dir sagen: es ist/wird ein sehr schwerer/schmerzhafter Weg. Bei wirklich traumatisierten Personen ist er jedoch oft unerlässlich, um ins Leben zu kommen. ...
Und sofern somatische (körperliche) Beschwerden unklarer Art vorliegen bräuchtest Du womöglich eine körperorientierte Traumatherapie.
Es muss vor allem geklärt werden, ob Du eine komplexe Traumatisierung hast, denn in diesem Fall muss die Therapie ganz anders erfolgen.
Also suche nach einem/r erfahrenem/n Therapeuten/Therapeutin der/die sich auf (ggf. komplexe) Traumatisierung spezialisiert.
Nimm auf keinem Fall den angeblich "erstbesten" Therapeuten, nutzte die so genannten "probatorischen Stunden" (uverbindl. Probestunden) ggf. auch bei mehreren Therapeuten voll aus, lasse Dich nicht unter Druck setzten. Achte sehr darauf, dass der/die Therapeut/in in der Lage ist, Dich aus dem "Zustand" rauszuholen und wenigstens etwas zu stabilisieren, und zwar sowohl während !jeder! Sitzung als auch am Ende !jeder! Sitzung.
Mache nichts blind sondern bilde Dich selbst Stück für Stück in Themen / komplexe Traumatisierungen / Traumatisierungen in der Kindheit / Posttraumatische Belastungsstörungen / körperorientierte Traumatherapie / etc... mit Literatur/Bücher aus!

Grundsätzlich werden von den gesetzl. Krankenkassen diese drei Verfahren bezahlt: „Verhaltenstherapie“, „Analytische Psychotherapie“ und „Tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie“, sofern medizinisch notwendig. (Beim tatsächlichen Vorliegen einer Trauma ist die eine Therapie klarerweise notwendig).
Problematisch ist jedoch, dass kein dieser Verfahren eine geignette Form der Traumatherapie darstellt.
Was Kostenübername angeht, sofern Du gesetzl. versichert bist und eine/n Therapeuten/in findest der/die Traumatherapie beherrscht kommt es auf den “Geschick“ des Therapeuten bei Antragsstellung an.

Entscheidend ist nicht die Anzahl an Stunden sondern, ob der Therapeut tatsächlich nötiges Wissen und Fähigkeiten besitzt die traumatisierte Person zu behandeln und aus dem "Zustand" bzw. aus dem „Loch“ dauerhaft rauszuholen!

Alles Liebe für Dich.

Antwort
von Lydia304, 34

Aus dem von Dir Geschriebenen würde ich schließen, dass Du auf jeden Fall eine Therapie machen solltest.

Du scheinst eine traumatisierende Kindheit gehabt zu haben, die ernsthafte Folgen in Form einer Persönlichkeitsstörung hinterlassen hat. Wenn Du es nicht bearbeitest, wird es in allen Lebensbereichen (v.a. in der Partnerschaft!) Folgen für Dein Leben haben, Du scheinst noch jung zu sein und hast alles vor Dir - Du solltest es angehen. Eine gute Psychotherapie kann Dir ernsthaft helfen.

Die Kosten werden in jedem Fall von der Krankenkasse übernommen, wenn der Psychotherapeut eine Kassenzulassung hat und die Indikation feststellt. Eine Überweisung vom Arzt brauchst Du entgegen weit verbreiteter Fehlmeinungen nicht! (Anders sieht es nur aus, wenn der Therapeut keine Kassenzulassung hat und im Kostenerstattungsverfahren arbeitet, das sollte er dann aber mit Dir besprechen.) Du machst Probestunden direkt beim Psychotherapeuten Deiner Wahl, der dann den Antrag für Dich bei der Krankenkasse stellt. Die Probestunden werden auf jeden Fall gezahlt. Also: kein Risiko. Du solltest Dich nur möglichst bald darum kümmern, denn die Wartezeiten können lang sein.

Viel Glück!

Kommentar von Soulbottle69 ,

Habe mir bisher das Ohr wundtelefoniert aber jetzt auch schon 2 Termine :)

Mir stellt sich nur die Frage, wie viele Probetermine man machen sollte?

Kommentar von Lydia304 ,

Das ist doch schon ein super Erfolg! Wenn die 2 Termine bald sind, würde ich mir das erstmal anschauen. Vielleicht ist der/die richtige schon dabei. Es geht nicht darum, den bestmöglichen Therapeuten zu finden, sondern einen, bei dem Du Dich gut aufgehoben fühlst und der Dich auch annimmt. Wenn man sich zu viele ansieht, kommt man nur durcheinander, und die Entscheidung wird nicht leichter.

Antwort
von dustywoman88, 29

Die Frage hast du schon selbst beantwortet. Wenn du keine Therapie bräuchtest würdest du nicht darüber nachdenken eine zu machen.sagen wir mal so, schaden kann es nicht.

Kommentar von Soulbottle69 ,

Es wird an sich dann aber auch von der Kasse getragen oder? Wenn der Arzt nun sagt, es ist nicht nötig, muss ich die Kosten dann selbst tragen?

Kommentar von dustywoman88 ,

Ja du solltest im jedem Fall von deinem Hausarzt eine überweisung holen. Viele fachärzte verlangen diese.

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