Frage von Popey1978, 2.189

Sertralin - Ein Leben ohne Emotionen?

Hallo zusammen.

Nachdem mir vor über zwei oder knapp drei Jahren eine mittelgradige Depression mit suicidalen Gedanken diagnostiziert wurde, bin ich seither auf die Einnahme von momentan 100 mg Sertralin am Tag angewiesen.

Für mich war die Verschreibung dieses Medikamentes ein Segen und wenn ich ehrlich bin wahrscheinlich sogar meine letzte Rettung... die Rettung aus drei Jahren Hölle!!!

Ich stehe jetzt wieder voll im Leben und zeige mich sehr motiviert, vor allem in meiner beruflichen Weiterentwicklung.

Seit knapp 10 Wochen bin ich Vater eines Kindes, ich liebe dieses Kind, zumindest denke ich das, denn ich weiß nicht ob ich noch fühlen kann?! Bevor ich durch die Hölle ging, war mein Leben geprägt von sehr starken Emotionen, zumal ich ein von Natur aus sehr sensibler und emotionaler Mensch bin.

Mittlerweile hat sich dies jedoch subjektiv und ich denke auch objektiv verändert. Meine Libido ist sehr eingeschränkt, ich fühle nichts für meine Frau, meine Familie oder sonst wen. Ich kenne keine Angst mehr, die mein Leben einst geprägt hat, meide Berührungen und Trauer kenne ich erst recht nicht.

Seitdem ich darüber nachdenke, kommen mir wieder komische Gedanken...

Weiß jemand um Rat was alternative oder ergänzende Medikamente zur Stimmungsaufhellung anbelangt?

Habt recht herzlichen Dank im Voraus.

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Antwort
von nichschlimmjim, 1.959

Hallo Popey, ich würde an Deiner Stelle den Gedanken an eine ergänzende Medikation (sei es auch pflanzlich) über Bord werfen. Durch das Sertralin wird lediglich die Verweildauer des Serotonins im synaptischen Spalt verlängert, was zur Folge hat: Es stellt sich die antidepressive Stimmungslage ein. Der ganze Stoffwechsel wird sich daran gewöhnen und wird quasi resetet! Wenn Du wärend diesen Vorgangs noch etwas zusätzlich (sei auch nur pflanzlich) einnimmst, würde dies die eigentliche Sertralineirkung beeinflussen. Du darfst auf "gar keinen Fall" ein Mittel wie Johanniskraut zu Dir nehmen und denken,: ist ja nur pflanzlich! Auch pflanzliche Mittel haben leichte serotonerge Wirkungen (so das Johanniskraut) und "könnte" ein "Serotoninsyndrom" zur Folge haben! Damit wäre dann nicht zu spaßen (worst case!). Ich nehme auch seit fast 6 Jahren 50mg Sertralin und komme super klar damit. Die subjektive, und auch objektive Einschätzung deiner Verfassung zeugt von deiner Auffassungsgabe und ist sehr gut. Wenn Du diese nicht hättest, wärst Du vielleicht schon abgestumpft. Auch ich bezeichne mich als relativ sensiblen Menschen, dem vieles zu schnell bewusst wird! So auch Gefühle, wie Trauer, welche sich niemals komplett beseitigen lassen! Ein Mittel, wie Sertralin dient nur dazu, sich wieder zu fangen und auch wieder aus dem Loch der Trauer herauszukommen. Dass du karkeine Trauer mehr empfinden kannst, kommt von einer erhöhten Serotoninkonzentration, was aber niemals bedeuten wird, dass solche Gefühle komplett beseitigt werden. Sie bleiben nur auf einem erträglichen Level. Auch eine bestehende Angststörung wird durch ein SSRI günstig beeinflusst, was aber nicht heißt, man wird völlig Angstfrei! Für mich hört sich das bei Dir alles sehr bekannt an, denn auch Ich dachte eine Zeit so. Mich hat das Sertralin gut stabilisiert, und ich hoffe, dass tut es bei Dir auch. Vielleicht solltest Du mal mit deinem Arzt über eine Dosisreduktion auf 50mg sprechen, dann könnten auch die bekannten Probleme mit der Libido wieder normalisieren. Bevor ich auf 50mg runter bin, war das bei mir auch ein großes Problem! Fazit: Bevor du zusätzlich etwas anderes nimmst, versuche die richtige Dosierung zu finden (selbstverständlich unter ärztlicher Anweisung)! Viel Erfolg

Kommentar von Popey1978 ,

Ich möchte mich ganz recht herzlich für Deine Ausführungen bedanken. Ich weiß um die Gefahr von Johanniskraut in Kombination mit Sertralin. Ich kenne auch das Gefühl einer Überdosierung von Sertralin, die mir aus Versehen zu Anfang wiederfahren ist.

Ich war bis vor ein paar Wochen noch auf 150 mg Sertralin und bin auf 100 mg runter. Seit gestern arbeite ich wieder mit 150 mg, da ich mit dieser Dosierung das Gefühl hatte, besser klarzukommen.

Ich werde Ende August meinen Neuro fragen, was für Möglichkeiten ich habe...

Hast Du vielleicht eine Idee, ob ich das Zeug jetzt ein Leben lang nehmen muss?

Wie gesagt, mein sportlich motiviertes und in diese Richtung sehr exzessiv ausgerichtetes Leben wird mich so oder so einige Jahre kosten, auch weil ich hier medikamentös eingestellt werden musste...

Kommentar von nichschlimmjim ,

Ein Leben lang wäre wohl übertrieben. So, wie ich weiß, sollte man ein SSRI mindestens 6 Monate durchnehmen, aber dies ist auch sicherlich von Fall zu Fall verschieden. Allerdings ist von manchen SSRI bekannt, dass Ihre eigentliche Wirkung nachlassen kann. Das war bei mir der Fall und der Grund, warum ich von Fluctin zu Sertralin gewechselt bin. Es gibt mittlerweile sehr viele SSRI und das Sertralin ist von seiner Potenz im unteren Drittel anzusiedeln. Mein Neuro arbeitet sehr viel mit SSRI und ist der Meinung, er hätte mit Sertralin die besten Erfahrungen bei seinen Patienten beobachten können. Ich stellte ihm die gleiche Frage- wie lange nehmen? Er meinte einfach, solange bis es einem besser geht aber bestenfalls mind. 6 Monate. Wenn die Wirkung nicht mehr reicht, Präperatwechsel. Du bist mit 150mg relativ hochdosiert, aber wenn Du mit klarkommst ists doch ok! Aber bei 200mg/Tag ist Schluß mit Sertralin, dann würde ich was anderes testen. Viel Erfolg!

Antwort
von gerdavh, 1.713

Hallo, wenn Dich Sertralin derart abstumpft in Deinen Gefühlen, solltest Du dringend mit Deinem Arzt über einen Medikamentenwechsel sprechen. Sertralin ist nicht das einzige Antidepressivum. Ich konnte außer den üblichen Nebenwirkungen nichts Derartiges nachlesen, aber man muss auch bedenken, dass es sich bei den meisten Studien nicht um Langzeitstudien handelt. Vielleicht wäre ein Medikamentenwechsel + Psychotherapie der bessere Weg für Dich. Hier ein Link zu Sertralin, den Du vielleicht noch nicht kennst?

http://psycho-alex.de/psychopharmaka/sertralin

Alles Gute. lg Gerda

Antwort
von Popey1978, 1.168

Ich bin überrascht, wie viel Resonanz ich innerhalb dieser kurzen Zeit erfahren darf. Zunächst einmal ganz recht herzlichen Dank dafür.

Auch was die Qualität der Antworten angeht, bin ich mehr als positiv überrascht.

Mit bloßen Aussagen wie: "Geh zum Arzt." oder dgl. ist nämlich niemanden geholfen, der zunächst einmal versucht sich und seine Situation zu verstehen und darauf hofft, Leidensgenossen zu finden, die über ähnliche Begleiterscheinungen zu berichten wissen.

Ich habe im Übrigen einen neuen Termin für Ende August anberaumt...

Ich denke, dass sich meine Depression biologisch, d.h. in einem Mangel an einem oder mehreren Botenstoffen begründet.

Eigeninitiative Recherchen deuten zumindest darauf hin, da ich aus dem Leistungssport komme und über mehr als ein Jahrzehnt durchgängig Medikamentenmissbrauch betrieben habe und sich die Depressionen sukkzessive nach Absetzen der Medis über drei Jahre zunehmend aufgebaut haben.

Das ist der Preis den ich dafür zahle, doch möchte ich nicht, dass auch andere darunter leiden müssen, wie eben meine Familie oder mir nahestehende Menschen.

Meiner Frau möchte ich mich nicht anvertrauen, da sie mit dem Thema nichts anzufangen weiß und mir zudem ausweichen würde. Sie versteht das einfach nicht, was ich ihr nicht zum Vorwurf mache, da kein Mensch, der sich einer solchen Situation nicht schon einmal selbst ausgesetzt fühlen musste, nachvollziehen kann, was das bedeutet.

Zudem möchte ich sie nicht zusätzlich belasten.

Therapien wurden mir bis dato verweigert, da sich niemand im Stande sah mich zu therapieren.

Ich habe es mit Hypnose versucht, welche mir sehr geholfen hat und mich von meinen Essstörungen mit nur einer Sitzung befreite.

Da ich bis zu diesem Zeitpunkt leidenschaftlicher Genussraucher war, ist diese Leidenschaft "leider" auch ganz ungewollt gelöscht worden.

An dieser Stelle also der Hinweis, dass Hypnose wirklich funktioniert, wenn man kontentriert mitarbeitet und sich darauf einlässt.

Antwort
von Irene1955, 1.221

Lieber Popeye1978, erst einmal herzlichen Glückwunsch zu deinem neuen Glück :-)

Dann ein paar vielleicht hilfreiche Tipps für dich:

Was (mittel-)schwere Depressionen und deren Behandlung betrifft, kenne ich mich leider nicht so gut aus. Es gibt jedoch einige stimmungsaufhellende "Hausmittel", mit denen ich gute Erfahrungen gemacht habe:

Es gibt z.B. Menschen, die haben von Haus aus einen niedrigen Dopamin bzw. Serotonin-Spiegel. Ein Mangel dieser Stoffe begünstigt die Neigung zu Depressionen, diese Menschen müssen/sollten also alles meiden, was Dopamin bzw. Serotonin noch weiter senkt. Dazu gehört z.B. Alkohol, selbst in geringen Mengen. Anfangs mag das einem als Einschränkung erscheinen, mit der Zeit lernt man es jedoch sehr schätzen, wenn man bereits am frühen Morgen richtig gute Laune hat. Dann gibt es Nahrungsmittel, die die Bildung von Serotonin bzw. Dopamin unterstützen (googel einfach mal danach - Bananen fallen mir spontan ein, den Rest weiß ich aber auch nicht mehr auswendig). Und zu guter Letzt hilft Sport. In Maßen ausgeübt, hebt er die Stimmung (nach einer Anfangsphase, in der man sich wahrscheinlich etwas überwinden muss) nachhaltig.

Das gute alte Sonnenlicht darf man natürlich auch nicht vergessen. Damit meine ich keine stundenlangen Bratereien in praller Sonne, sondern regelmäßigen Aufenthalt an der frischen Luft.

Was deine Libido betrifft: möglicherweise ist die durch den Stress, den man mit einem Neugeborenen hat, etwas eingeschränkt. Das ist durchaus normal, ich kenne junge Eltern, die monatelang keinen vernünftigen Sex mehr hatten. Das muss also nicht unbedingt mit deiner depressiven Erkrankung zusammenhängen. Aber das kannst du selbst besser beurteilen.

Ach ja, was mir noch einfällt: vielleicht solltest du dir mal die Nebenwirkungen deines Medikamentes genau ansehen (ich muss jetzt weg, kann das also nicht mehr für dich tun :-)). Eventuell ist ja das an einigen deiner aktuellen Probleme schuld :-).

Viel Glück für deine Zukunft und deine Familie!

Antwort
von Hooks, 810

Wie schön, daß Du nun ein Baby hast! Aber weißt Du, ein Baby braucht Zärtlichkeit, einfach liebkosende Berührungen, streiche über Bauch und Rücken oder vorsichtig am Kopf entlang (sowas tut auch Frauen gut!)

Zur Stimmungsaufhellung. Da müßte man wissen, was genau die Ursache ist.

Hast Du ein schlimmes Erlebnis gehabt? Schicksalsschlag? Oder sowas wie falschen Ehrgeiz, nicht richtig sitzende Prioritäten? Menschen sind wichtiger als Geld!

Oder hattest Du zuviel Stress? Da könnte die Ursache ein Mangel an Vitalstoffen sein, Depressionen kennt man von Mangel Vitamin D und B, besonders B1 und 3. Da müßtest Du beides (D und B) ersetzen, bei B den ganzen Komplex. Und Magnesium braucht man, um über 300 Reaktionen im Körper überhaupt erst in Gang zu bringen.

Recherchier mal unter "Vitamin-D-Mangel". Zu B1-Mangel habe ich hier etwas für Dich:

vitalstoff-lexikon.de/index.php?PHPSESSID=296dfa1558d08575e8f2470af014aef7&activeMenuNr=3&menuSet=1&maincatid=169&subcatid=440&mode=showarticle&artid=444&arttitle=Mangelsymptome&

  • Psychische Labilität in Form von Konzentrationsschwäche, Reizbarkeit, Depressionen und Angstzuständen [17]
  • Apathie – Teilnahmslosigkeit, mangelnde Erregbarkeit sowie Unempfindlichkeit gegenüber äußeren Reizen [14, 15, 19, 20]
  • Schlafstörungen [14, 15, 19, 20]

oder hier:

Die häufigsten Symptome eines Mangels an Niacin betreffen die Haut, das Verdauungssystem und das Nervensystem.

Die Symptome werden durch die 3-D-Symptomatik beschrieben:

Dermatitis* 
Diarrhoe (Durchfall)
Demenz und schließlich der Tod

*In der Haut entwickelt sich ein symmetrischer stark pigmentierter und schuppender Ausschlag an Stellen, die dem Sonnenlicht ausgesetzt sind. Das Wort "Pellagra" kommt von der italienischen Bezeichnung für raue oder rohe Haut.

Symptome, das Verdauungssystem betreffend, sind:

eine helle rote Zunge
Erbrechen
Diarrhoe (Durchfall)

Neurologische Symptome sind:

Kopfschmerzen
Apathie
Ermüdung
Depression, Desorientierung und Vergesslichkeit.

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