Frage von josi65, 1.525

Morphin Überdosis

Ein mir sehr nahe stehender Mensch hat sich vor kurzer Zeit mit einer ¾ Flasche ( ca. 70 ml) Merck Morphin 2 mg das Leben genommen. Da mich die Umstände sehr belasten, habe ich recherchiert, um heraus zu finden, ob es ein qualvoller Tod war. Ich habe von Atemlähmung, Tod durch Ersticken usw. gelesen. Andere widerrum behaupten, man schläft bei solch einer Dosis friedlich ein und spürt gar nichts mehr, stirbt also im Schlaf, ohne irgendetwas zu spüren. Wie ist es wirklich?

Antwort
von gerdavh, 1.525

Hallo, dass Dich das belastet, kann ich gut verstehen. Hier die Folgen einer Überdosis

Ueberdosis: laehmende Effekte im Bereich des ZNS, besonders im Atemzentrum; Atemdepression, komatoese Bewusstseinsstoerung und Areflexie; die Pupillen sind in der Regel enggestellt. Aufgrund der abfallenden Kreislauffunktion und der Atemstoerung mit gelegentlichen Uebergang zu Cheyne-Stokescher Atmung kommt es zur Zyanose. Todesursache ist meist die Atemlaehmung.

Ich glaube nicht, dass der Betreffende da sehr gelitten hat; er wird in ein Koma gefallen sein und davon nichts gespürt haben. Ich hoffe, das ist ein kleiner Trost für Dich. lg Gerda

Kommentar von Nic129 ,

Nunja, bis es aber erst einmal zur vollkommenen Bewusstseinsstörung kommt, denn vorher geht es erst einmal über eine Eintrübung und Ohnmacht, wird der Patient die Atemdepression spüren. Was er letztendlich in besten Fall nicht mehr mitbekommt, ist vollständige Atemlähmung.

Auch wenn er nicht mehr bei Bewusstsein gewesen sein sollte, nimmt der Körper verschiedene Umstände wahr. Darunter fallen auch Schmerzen oder andere Qualen. Nur, weil man nicht wach und orientiert ist, heißt das nicht, dass der Körper nichts mehr wahrnimmt.

Das zum Beispiel ist auch bei der Narkose unter anderem ein Grund, weshalb es neben den ursprünglichen Präparaten zur Gabe von Dormicum und einem Opiat o.ä. kommt. Denn wir wissen, Dormicum macht vergesslich. Postoperativ kann sich der Patient nicht mehr erinnern. Auch der Körper kann sich nicht mehr an Schmerze erinnern. Denn solange der Hypothalamus funktioniert, nimmt der Körper alles wahr.

Das Ende vom Lied:

Er wird vielleicht keine Schmerzen gehabt haben, aber der Körper wird den Vorgang sicherlich wahrgenommen haben. Er wird auch sicherlich mitbekommen haben, das die Atmung verlangsamt und die Atemzüge schwerer werden.


Ich finde es erschreckend, wenn man von vornherein sagt, er wird nichts mitbekommen haben. Wer die Wirkung der Präparate und die Physiologie des Menschen kennt, der weiß, dass auch eine Bewusstseinsstörung (egal welcher Art) nicht vor Empfindungen schützt.

Kommentar von francis1505 ,

Gerda ist Krankenschwester, die weiß wovon sie spricht ;-)

Kommentar von Nic129 ,

... Ich wüsste nicht was Copy&Paste mit Kenntnisse einer Krankenschwester zu tun hat. Zumal das nichts bedeuten muss..

Ich selbst bin Arzt und sollte auch wissen, wovon ich spreche... Soweit ich mich erinnere, haben wir in unserem Studium wohl einen sehr viel größeren Teil Pharmakologie, als die Krankenpflege.

Kommentar von francis1505 ,

Das war auch der Ironie-Modus.

Antwort
von francis1505, 1.193

Ich denke nicht, dass der Betroffene gelitten hat.

Opiate machen meistens erstmal sehr müde, weshalb er die atemdepressive Wirkung wahrscheinlich kaum wahrgenommen hat. Außerdem bewirken derartige Medikamente auch häufig ein gewisses LMAA-Gefühl, weshalb es dem Betroffenen, wenn er es überhaupt noch merkt, egal ist.

Bei einer Narkoseeinleitung kann ich mich erinnern, dass ich auf dem OP-Tisch lag und merkte, wie ich was vergessen hab. Es war das Schnaufen, aber mir war das egal. Zwar wurde kein Morphin angewendet, aber ein ähnlich wirkendes Medikament.

Vermutlich dürfte dein Bekannter erst eingeschlafen sein, bevor er zu schnaufen aufgehört hat. Starke Müdigkeit setzt eher ein als die Wirkung auf's Atemzentrum. Das sehe ich in der Arbeit häufig. Die Patienten reagieren nicht mehr so richtig, während bei der Atmung noch alles im grünen Bereich ist. Bei entsprechender (Über)Dosierung sieht das natürlich anders aus.

Evtl hat dein Bekannter auch noch etwas anderes eingenommen, von dem du nichts weißt oder aber schlicht Alkohol dazu getrunken. Das potenziert die Wirkung auch nochmal.

Kommentar von Nic129 ,
Außerdem bewirken derartige Medikamente auch häufig ein gewisses LMAA-Gefühl, weshalb es dem Betroffenen, wenn er es überhaupt noch merkt, egal ist.

Das bewirkt z.B. Midazolam. Die berühmte LMAA-Pille, die präoperativ auf Station gegeben wird. Die ist auch für den "vergess-alles"-Effekt verantwortlich. Weniger die Opiate.

Bei einer Narkoseeinleitung kann ich mich erinnern, dass ich auf dem OP-Tisch lag und merkte, wie ich was vergessen hab. Es war das Schnaufen, aber mir war das egal. Zwar wurde kein Morphin angewendet, aber ein ähnlich wirkendes Medikament.
  1. Opiat der Wahl (Fentanyl, Ultiva, o.ä.)
  2. Anästhetikum der Wahl (in der Regel Propofol)
  3. Muskelrelaxans der Wahl (z.B. Cis-Atracurium)

Das ist der Bestandteil der Narkose. Seltener wird mit Etomidat anstatt Propofol eingeleitet. Hat zu viele Nachteile und Propofol eine recht kurze Halbwertszeit. Ist auch wesentlich verträglicher als Eto.

Durch das Opiat bei der Narkoseeinleitung schläft man übrigens nicht ein. Das hat zum Zeitpunkt der Einleitung noch gar keinen wirklichen Effekt, zumal es sehr niedrig dosiert ist. Das, was Dich einschlagen lässt, ist nach wie vor das zweite Medikament. Wie schon gesagt, entweder Propofol oder Etomidat.

Das Muskelrelaxans wird erst dann gegeben, wenn Sie auch wirklich schon schlafen und keine Reaktion mehr zeigen. Wenn nicht, würden Sie sonst nämliche höllische Qualen erleiden.

Kommentar von francis1505 ,

Ich kenn mich da durchaus selber aus und weiss wovon ich spreche.

Antwort
von Nic129, 1.033

Moin,

eine pauschale Antwort gibt es auf eine solche Frage nicht. Jeder Mensch reagiert auf Medikamente und deren Wirkung anders. Beide Optionen, die Sie gehört oder gelesen haben, sind nicht immer falsch. Es ist alles möglich.

Es ist eigentlich recht einfach. Ein Opiat führt bei einer Überdosierung in der Regel zur Atemdepression. Daher auch, wenn es z.B. im Krankenhaus gewollt ist, immer die Bereitschaft zur Intubation. Eine Atemdepression macht sich natürlich zunächst mit einer immer weiter verlangsamenden Atmung bemerkbar. Neben der Reduzierung der Atemzüge wird aber auch der Atemzug selbst schwerer. Am Ende ist das mit dem Ersticken gleichzusetzen. Denn eine Atemlähmung führt zum Ersticken.

Der Patient selbst bekommt von diesem Vorgang im besten Fall nichts mehr mit. Natürlich arbeitet aber der Rest des Körpers noch mit seinen Funktionen, die sicherlich nach und nach nachlassen werden.

Typisch ist bei einer Atemdepression das Ringen nach Luft, wenn man noch nicht vollständig weggetreten ist. Das sieht vielleicht nach Außen nicht so dramatisch aus, ist aber für den Patienten, im Inneren, eine Qual. Sie können es mit Ersticken durch ein Kissen vergleichen. Auch dort versuchen Sie irgendwann immer wieder nach Luft zu ringen, aber bekommen keine.

Wenn es nicht direkt wahrgenommen wurde, dann wird der Körper es aber sicherlich wahrgenommen haben. Was aber am Ende nicht mehr interessant ist. Wäre er danach nochmal wach geworden, hätte er sicherlich die ein oder andere Erinnerung gehabt.

Aus der Erfahrung heraus, bestätige ich eher die Aussage des qualvollen Todes. Gerade aufgrund der Tatsache der Atemlähmung. Da die meisten Patienten in dieser Situation qualvoll nach Luft ringen, ist das wohl das denkbarste Szenario.

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