Frage von Archibald 24.06.2012

Künstliche Ernährung - zustimmen oder nicht?

  • Hilfreichste Antwort von evistie 24.06.2012
    12 Mitglieder fanden diese Antwort hilfreich

    Lieber Archibald, nach all dem, was Du hier bereits zu Deiner Frau geschrieben hast, mag sie nicht mehr leben. Organische Gründe für eine Nahrungsverweigerung (Schmerzen, Schwierigkeiten beim Schlucken, etc.) sind doch gewiss längst im Vorfeld ausgeschlossen worden? Nahrungsverweigerung "aus freien Stücken" ist im Grunde die einzige Willenserklärung, die ein schwerstpflegebedürftiger Mensch noch abgeben kann, und eine künstliche Ernährung durch PEG-Sonde o. a. ist in meinen Augen dann nichts als respektlose Körperverletzung.

    Wie francis1505 ganz richtig feststellt, hat der Verzicht auf künstliche Ernährung nichts mit "Verhungernlassen" zu tun. Wenn Du Dich näher damit befassen willst, empfehle ich Dir das Buch Chabot/Walther, "Ausweg am Lebensende, Selbstbestimmtes Sterben durch freiwilligen Verzicht auf Essen und Trinken".

    Ein weiteres sehr informatives Buch ist "Sterben dürfen" von Putz/Gloor. In diesem geht es um den jahrelangen Kampf von Angehörigen für einen würdigen Tod der Mutter. Zum Schluss hatten sie mit Schwierigkeiten zu kämpfen, die auch eventuell auf Dich zukommen könnten, wenn Du die künstliche Ernährung verweigerst.

    Es ist nämlich möglich, dass das Pflegeheim sich weigert, aus "ethischen Gründen", die künstliche Ernährung zu unterlassen bzw. einzustellen. Vielleicht klärst Du im Gespräch mit der Pflegedienstleitung vorab, wie man dort generell vorgeht, wenn Angehörige diese verweigern. In dem (authentischen) o. g. Fall wurde die Patientin zunächst zwangsernährt und später der Pflegeplatz gekündigt.

    Die Entscheidung kann und wird Dir niemand abnehmen. Vielleicht hilft Dir dieser Text bei der Entscheidungsfindung:

    http://www.praxis-drfritz.de/gesundheitstipps-patienteninformationen/nahrungsver...

    Alles Gute für Dich und Deine Frau!

  • Antwort von totalschaden 24.06.2012
    6 Mitglieder fanden diese Antwort hilfreich

    wenn ich das noch richtig in erinnerung habe, hatte sie doch mit schlaganfällen zu tun und sich danach auch ziemlich hängen lassen, oder? ich meine, ich hätte dir vor längerer zeit auch schonmal geantwortet. das problem ist, dass sie sich wahrscheinlich schon aufgegeben hat. das war damals bei meiner schwiegermutter auch so. da sagte der arzt, das wär selbstmord auf raten. hast du denn früher mit deiner frau darüber gesprochen, wie sie sich in so einer situation hätte versorgt sehen wollen? im prinzip hat sie ja ihre entscheidung schon dadurch deutlich gemacht, dass sie die nahrung verweigert. es liegt ja nicht direkt ein gesundheitlicher grund vor, der die nahrungsaufnahme unmöglich macht. wenn sie z.b. nicht mehr schlucken können würde oder so, dann würde ich die sache anders sehen. ich weiß, wie schwer die situation für dich sein muss, weil ich in den letzten jahren leider auch in einer ähnlichen situation war. ich persönlich sehe es aber so, dass es eine leidensverlängerung wäre. für deine frau, aber auch für dich! hast du denn den eindruck, dass deine frau sich durch die künstliche ernährung wieder deutlich bessern würde? das wäre für mich der einzige grund, warum ich der sonde zustimmen würde. sprich in ruhe mit den ärzten und auch mit dem pflegepersonal. wir hatten in zwei fällen (opa und schwiegervater) sehr gute unterstützung. mein opa konnte demenzbedingt nicht mehr schlucken, hatte allerdings eine patientenverfügung, die aber leider schon was älter war. deshalb wurden wir nochmal dazu befragt, wie er es denn aktuell hätte haben wollen. wir haben dann bestätigt, dass keine sonde gelegt werden sollte und haben ihn nach hause geholt und bis zum schluss betreut. bei meinem schwiegerpapa wurde die sonde im krankenhaus gelegt, weil er nach einer darmop nichts zu sich nehmen konnte. als sich der zustand verschlimmerte wurden wir gefragt, was noch getan werden sollte, da er keine verfügung hatte und sich auch nicht mehr selbst äußern konnte. wir haben dann schweren herzens beschlossen, den dingen seinen lauf zu lassen, weil es keine hoffnung mehr gab, dass er sich wieder erholt. wir haben bei beiden die letzte zeit sehr intensiv genutzt, um uns zu verabschieden. und ich bin fest davon überzeugt, dass es die richtige entscheidung war. ich wünsche dir viel kraft und hoffe, dass du eine genauso gute unterstützung findest. die entscheidung kann dir keiner abnehmen, hör auf dein herz und denke in erster linie daran, was deine frau sich gewünscht hätte! manchmal ist der tod eben doch eine erlösung!

  • Antwort von francis1505 24.06.2012
    5 Mitglieder fanden diese Antwort hilfreich

    So eine Entscheidung ist immer schwer, aber vielleicht "beruhigt" es dich, wenn die Nahrungsverweigerung ein ganz natürlicher Vorgang im Sterbeprozess ist. Leider wissen das die wenigsten und wollen dann nicht tatenlos zuschauen wie jemand langsam verhungert und verdurstet.

    Überlege dir, ob eine künstliche Ernährung außer dem Hinauszögern des Todes noch wirklich Vorteile hat. Sprich ob sie dann auch wieder halbwegs am Alltagsleben im Pflegeheim teilnehmen kann. Wenn nicht, spricht in meinen Augen eigentlich nichts dafür.

    Hast du jemanden in deinem Bekannten- oder Verwandtenkreis, mit dem du darüber sprechen kannst? Und der dir auch beistehen kann, wenn du dich dagegen entscheidest?

  • Antwort von HallowsEve 09.07.2012
    1 Mitglied fand diese Antwort hilfreich

    Hallo Archibald, eine künstliche Ernährung bringt eigentlich gar nichts mehr. Den Betroffenen bleibt evtl. ein paar Tage mehr, das sie nichtmal in Bewußtsein erleben können. Der Geist schaltet schon ab, der Körper muss jedoch die künstliche Nahrung aufnehmen, aber die Organe bereiten sich schon längst darauf vor, den Dienst langsam einzustellen. Die Nahrung wäre vermutlich zusätzliche Ballast.

    Ich finde zudem, der Tod sollte jeder Mensch bewußt durchleben dürfen - sozusagen als letzte Prüfung des Lebens. Es ist ein wichtiger Abschluß des Ganzen.

  • Antwort von granny64 27.06.2012
    1 Mitglied fand diese Antwort hilfreich

    Ich finde, man kann aus der Entfernung nicht sagen, ob jemand nicht isst, weil er sterben will, oder weil beispielsweise eine Depression besteht, die ebenso zu Nahrungsverweigerung führen kann. Hilfreich kann die Entscheidungshilfe der AOK sein: Es ist eine Broschüre und ein Arbeitsbogen, mit dem Angehörige, Ärzte, Betreuer und auch Pflegekräfte umfassende Informationen über das Für und Wider der künstlichen Ernährung erhalten. In der Broschüre werden Gründe für eine Mangelernährung erklärt und die Möglichkeiten, was man dagegen tun kann. Die Informationen sind gut verständlich.

    Der Arbeitsbogen, fasst das Wissen aus der Broschüre und die Kenntnisse über den Betroffenen zusammen. Er umfasst 2 Seiten. Link: http://www.aok.de/bundesweit/gesundheit/kuenstliche-ernaehrung-im-alter-176155.p...

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