Frage von sonne123, 20

Künstliche Ernährung - schwere Demenz - Indikation

Hallo,

ein Angehöriger lebt seit Anfang des Jahres im Heim.Er ist noch einigermaßen mobil,aber die Demenz schreitet unaufhörlich voran,so das mittlerweile das schwere Stadium erreicht worden ist........seit kurzer Zeit gibt es Probleme mit der Nahrungsaufnahme, die innerhalb von zwei Wochen bereits zu 5Kg Gewichtsabnahme geführt hat........da macht man sich halt Gedanken ,wenn wirklich eines Tages die Entscheidung über eine künstliche Ernährung getroffen werden muß.

Folgende Fragen stellen sich mir unter der Berücksichtigung,das es sich um Demenz im schwerem Stadium handelt.....

  • Wann würde eine künstliche Ernährung notwendig werden,welche Indikationen müssen gegeben sein? (Grenze zum Untergewicht erreicht,schwere Mangelerscheinungen?)
  • Würde sich die Lebensqualität des Betroffenen wirklich entscheident verbessern (Ziehen der Sonde)?
  • Besteht die berechtigteHoffnung,das durch eine Sonde das Leben verlängert werden könnte?
  • Kann oder darf eine einmal begonnene künstliche Ernährung jederzeit auch wieder abgebrochen werden?
  • Wie würdet ihr machen,wenn der Vorwurf des "Verhungern´s" im Raum stehen sollte?Es ist ja nicht ausgeschlossen.....

Eine Patientenverfügung besteht und ich bin als Bevollmächtigter eingetragen......man könnte jetzt auch sagen,warum sich jetzt schon den Kopf machen,aber so etwas kann ich einfach nicht in kurzer Zeit entscheiden.Natürlich wird es dann auch innerhalb der Familie besprochen werden,aber es ist halt mehr oder weniger meine Unterschrift für oder gegen eine künstliche Ernährung,die im Endeffekt zählt.Das kann mir keiner abnehmen.....und ich muß zu dieser Entscheidung stehen.

Danke schon mal und liebe Grüße

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von evistie, 18

Liebe Sonne123, es ist richtig, dass Du Dir rechtzeitig - das heißt, ehe Du unter Zeit- oder anderem Druck entscheiden musst - diese Fragen stellst. Denn zu diesem Thema muss man sich ordentlich "belesen", es gibt zahlreiche Für und Wider, und welche Entscheidung letztendlich getroffen wird, muss ausschließlich auf den (vermuteten oder geäußerten) Willen des Demenzkranken abgestimmt sein und auf nichts anderes!

Eine gute Abhandlung, die auch alle Deine Fragen beantworten dürfte, ist z. B. dieser vierteilige Artikel:

http://www.hospizgemeinschaft.de/meldungen/0903281.html

Zu der Frage des Verhungernlassens steht dort ein, wie ich finde, gutes Schlusswort:

Wir sterben nicht, weil wir nichts mehr essen, sondern wir essen nicht, weil wir sterben. Einem Sterbenden keine Nahrung mehr aufzunötigen bedeutet also nicht, ihn verhungern zu lassen, sondern zeigt unseren Respekt vor seiner Lebenssituation.

Weitere Betrachtungen findest Du, wenn Du bei Google "Demenz + künstliche Ernährung" eingibst.

Ich wünsche Dir zu gegebener Zeit die richtige Entscheidung!

Antwort
von alegna796, 12

Hallo Sonne, ich habe vor drei Monaten erst ein 18 stündiges Seminar besucht über die Begleitung und Pflege von Menschen mit Demenz. Mein Vater ist auch an Demenz erkrankt, im 2. Stadium. Ich habe ebenfalls für ihn eine Patientenverfügung und bin als Bevollmächtigter eingesetzt. Mein Vater hat sich vor Jahren als er noch voll entscheidungsfähig war entschieden, dass jede künstliche Ernährung und jede Verlängerung des Lebens (eigentlich ist es ja eine Verlängerung des Sterbens) unterbleiben soll. Du musst abwägen inwieweit sein Leben noch lebenswert erscheint. Jetzt, wo der noch etwas mobil ist, sollte man ihm alles so machen, dass er sich noch wohlfühlt und dass sein Leben lebenswert ist. Wenn der Tag kommt, wo Deine Entscheidung eingreifen muss, dann musst Du zusammen mit den noch vorhandenen Angehörigen beraten, ob es besser für ihn ist, ihn gehen zu lassen oder ob es noch Sinn macht, sein Leben für eine Zeit zu erhalten. Der Vorwurf des Verhungerns wird von den Ärzten recht gern in den Raum gestellt. Da ist aber nicht so, denn der Demenzkranke wird das nicht so empfinden. Ich wünsche Dir alles Gute und für Deine Entscheidungen einen klaren Kopf.

Antwort
von gerdavh, 14

Liebe Sonne, steht denn in der Patientenverfügung, dass der Angehörige (Dein eigener Vater?) keine lebensverlängernden Maßnahmen wünscht? Dazu gehört auch die Sondenernährung. Natürlich ist es ein schrecklicher Gedanke, dass hier jemand liegt und nach und nach verhungert, aber es stellt sich wirklich die Frage: Ist das ein lebenswertes Dasein, mit Sondenernährung im Bett zu liegen und sich überhaupt nicht mehr orientieren zu können? Niemanden mehr zu erkennen? Bei meiner Mutter war das zum Schluß auch so - sie hat Essen und zum Teil sogar Trinken verweigert und Niemanden mehr erkannt; ich denke, man muss dann evtl. über ein Loslassen nachdenken, so schmerzlich das auch ist. Sollte nichts Derartiges in der Patientenverfügung stehen, musst leider Du diese Entscheidung treffen. Natürlich kann man durch künstliche Ernährung Leben für eine gewisse Zeit verlängern und man kann sie auch wieder abbrechen. Die Frage ist hier wieder: Tut man dem Patienten damit wirklich einen Gefallen? Du machst jetzt eine schlimme Zeit durch und Du hast mein ganzes Mitgefühl. Alles Liebe. Gerda

Antwort
von schanny, 12

Liebe sonne123,

  • bei Aspirationsgefahr oder bestehender Aspiration, bei starkem Untergewicht, bei schweren Schluckstörungen etc. sollte man eine Ernährung über die PEG- Sonde bevorzugen, um die Ernährung und ausreichende Flüssigkeitszufuhr zu gewährleisten
  • die Lebensqualität verbessert sich nicht im wesentlichen, vielen sondierten Patienten fehlt die Nahrungsaufnahme, weil Geschmack ja auch Lebensqualität ist und Essen auch zum Leben dazu gehört und Spass machen kann
  • das Leben würde durch eine Sonde verlängert werden, aber ob das immer im Sinne des Betroffenen ist, vor allem wenn eine schwere, fortschreitende Erkrankung sowieso irgendwann zum Tode führen würde, sei mal dahin gestellt. Viele möchten "so" auch nicht mehr unbedingt weiterleben, das sind eigene Erfahrungswerte, die ich tagtäglich im Umgang mit solchen Patienten gesammelt habe
  • eine künstliche Ernährung kann durch entsprechenden Kostaufbau durch eine Logopädin begleitet, auch wieder unterbrochen oder abgebaut werden, ja
  • wenn das Lebensende naht, kann soviel Nahrung und Flüssigkeit gegeben werden, wie der Körper es vertragen kann, es würde nichts nützen, der Körper verwertet es nicht mehr und die Organe der Menschen nehmen partout nichts mehr auf, da ist jegliche medizinische Versorgung gegen machtlos

Ich hoffe, ich konnte Dir damit helfen, Dich leichter für etwas oder gegen etwas zu entscheiden. Wichtig ist auch die Patientenverfügung, an die würde ich mich halten. L.G.

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