Frage von Olivenbaum2013, 80

Ist das Einstellen des nächtlichen Einpinkelns natürlich oder anerzogen (sei es fremd oder selbst anerzogen)?

Ein Kind von 5 Jahren pinkelt nachts für gewöhnlich nicht mehr ein? Da aber das Nicht-Einpinkeln eine sozial-ethische Demension hat oder eine Dimension hat, die das 'körperliche Leid' betrifft, finde ich die Frage schwer zu beantworten.

Anders herum:

  1. Würden wir die Kinder nicht dazu erziehen, nicht einzupinkeln, sprich festzuhalten, würde das Kind es dann trotzdem lernen? (sozial-ethische Dimension)
  2. Würde es das Kind nicht stören, wenn es nachts einpinkelt, im Nassen liegen zu bleiben (weil es dann aufgeweckt würde, um die Bettsachen und Kleidung zu wechseln), würde das Kind es dann trotzdem lernen? (Dimension des körperlichen Leids)

Und im Fall 2: Wenn es das körperliche Leid ist, das den Auslöser gibt, um die Notwendigkeit des Festhaltens (Vorsicht: nicht das Festhalten, sondern die Notwendigkeit des Festhaltens) zu lernen, warum haben Kinder im Windelalter kein Problem damit, in Nasser Windel zu liegen? Woher kommt dieses negative Gefühl zur Nässe am Po? Dann doch anerzogen? Und wenn ja, ist es dann selbst oder fremd anerzogen?

Antwort
von dinska, 45

Erziehung ist immer wichtig und sehr auschlaggebend für unsere Entwicklung, sowohl positv als auch negativ.

Auch Tiere erziehen ihre Jungen und bringen ihnen bei, was sie für ihr Leben brauchen. Auch sie beschmutzen nicht ihr Nest.

Es ist also nicht das Gefühl zur Nässe am Po, daran kann man sich gewöhnen, sondern ein Problem des Geruchs und der Hygiene.

Es gibt da so eine Geschichte, wo eine Wolfsmutter ein Baby an sich genommen und großgezogen hat. Als man es fand, hat es sich genau wie ein Wolf benommen, hatte eine starke Körperbehaarung und konnte nicht sprechen.

Erziehung und Vorbildrolle prägt ein Lebewesen und einen Menschen natürlich auch Bildung!

Kommentar von Olivenbaum2013 ,

Es ist also nicht das Gefühl zur Nässe am Po, daran kann man sich gewöhnen, sondern ein Problem des Geruchs und der Hygiene.

Wenn es nach Deiner Aussage nicht die Nässe ist, die 'naturhaft' (oder instinktiv, also nicht anerzogen) stört, sondern der Geruch und die Hygiene, dann frage ich:

Ist Hygiene wirklich der Grund. Reflektiert ein Kind in diesem Alter in der Tat über Sauberkeit? Oder geht eher um Gefühle bzw. Unwohlgefühle, die die Erwachsenen dann unter 'Hygiene' subsumieren? Und wenn es dann das Unwohlgefühl ist, ist es nicht dann doch sowas wie Nässe, Hitze, Kälte, Reibung etc., die als unangenehm empfunden werden? Ich vermute nämlich - bin mir sogar ziemlich sicher -, dass Hygiene in keiner Weise Objekt eines so kleinen Kindes sein kann (weder kognitiv-reflektorisch, da zu klein, noch irgendwie körperlich-libidinös, da sinnlich nicht fassbar (ist ja ein Abstraktum)).

Geruch erwähnst Du auch. Wenn es der Geruch ist, dann stellt sich die Frage: Entwickelt das Kind den Geruch zu dem Zeitpunkt so weit, dass dieser spezielle Urin-Geruch stört?

Du siehst, es geht mir um den Ursprung bwz. die Ursprünge der Abneigung bzw. der Unwohlgefühle beim Einpinkeln. Und wenn da eine Erziehungs- bzw. Prägungskomponente hinzukommt (bei der Annahme, es sei nicht bloß natürlich), dann stellt sich doch die Frage, was wäre, wenn diese Komponente wegfallen würde. 

Kommentar von dinska ,

Es geht nicht danach, was das Kind reflektiert, sondern wie es erzogen wird, wie seine Umwelt es reflektiert. Das Kind lernt sich dem anzupassen, das eine früher, das andere später und manche haben immer ihre Probleme mit der Anpassung!

Kommentar von Olivenbaum2013 ,

Also würdest Du sagen, dass das Aufhören von Einnässens eine primär erziehungsbedingte Tatsache ist?

Wenn ja, würdest Du eher sagen primär oder ausschließlich?

Kennst Du zufällig Untersuchungen aus der Forschung dazu?

Kommentar von dinska ,

Ausschließlich ist gar nichts, es gibt immer Ausnahmen. Ich würde da eher primär sagen. Forschungsergebnisse kenne ich keine, ich habe nur die Erfahrungswerte von 3 großgezogenen Kindern und noch einigen mehr aus meinem Umfeld.

Kommentar von Olivenbaum2013 ,

Interessant wären Langzeitstudien. Wie die wohl aussehen würden?

Danke Dir.

Antwort
von evistie, 49

Welchen Rat suchst Du???

Über die (konstruierten) Dimensionen des Einnässens zu philosophieren, ist überflüssig wie ein Kropf und hilft weder Dir noch dem betroffenen Kind wirklich weiter.

  • Ein Kind, welches mit fünf Jahren wieder einnässt, hat ein körperliches oder - wahrscheinlicher - seelisches Problem.
  • Wer behauptet, Babys/Windelkinder hätten kein Problem damit, in nassen Windeln zu liegen?? Stilles Leiden ist noch lange keine Akzeptanz.
  • Sowie ein Kind Kontrolle über seinen Schließmuskel erlangt hat, wird es auch bestrebt sein, von sich aus sauber und trocken zu bleiben.
  • Der Weg von reflexartiger zu bewusster Entleerung ist ein Entwicklungs- und Reifeprozess des heranwachsenden Kindes und sollte nicht durch "Töpfchentraining" forciert werden.
Kommentar von Olivenbaum2013 ,
Welchen Rat suchst Du???

Ich suche keinen Rat, sondern eine Antwort. Das ist aber eine gute Frage von Dir. Ich denke nämlich, dass viele davon ausgehen, dass man hier hauptsächlich nach Rat sucht.

Über die (konstruierten) Dimensionen des Einnässens zu philosophieren, ist überflüssig wie ein Kropf und hilft weder Dir noch dem betroffenen Kind wirklich weiter.

Da widerspreche ich Dir. Wenn es so wäre, wie Du sagst, dann könnte man Philosophie abschaffen.

Es hilft mir weiter, insofern ich die Notwendigkeit solcher tabuisierter Prozesse an für andere häufig unsichtbaren Orten - Foucault würde von atopoi sprechen - reflektiere, um dann das Ergebnis mit den wütenden Forderungen - und damit einhergehenden stillschweigenden Sanktionen - der Gesellschaft, in der ich lebe, zu vergleichen. Dieser Vergleich eröffnet mir dann hier und da diese Forderungen und Sanktionen als nicht legitim und ich kann dann sagen: Nein, finde ich nicht, weil... (mal alles unfassbar grob kurzgefasst).  

•Ein Kind, welches mit fünf Jahren wieder einnässt, hat ein körperliches oder - wahrscheinlicher - seelisches Problem.

Diese Behauptung würde ich mitgehen (obwohl ich hier eher von Psyche, Geist oder Gehirn sprechen würde), wenn die Grundlagen geklärt sind, nach denen ich suche. Ist aber nicht meine Frage.   

•Wer behauptet, Babys/Windelkinder hätten kein Problem damit, in nassen Windeln zu liegen?? Stilles Leiden ist noch lange keine Akzeptanz.

Gute Frage. Das will ich aber auch nicht behaupten. Hier wäre die Frage aber auch eher: Wer sagt, dass Kinder überhaupt leiden bzw. still leiden? Außerdem kann ich leiden aufgrund anerzogener Vorgaben ('Spinnen, mein liebes Kind, fressen Dich auf, wenn Du jetzt nicht aufisst.' Solche Sätze können Angstzustände oder stilles Leid in entsprechenden Situationen auslösen). Hier ist die Frage: Ist das Leid beim Pinkeln anerzogen oder natürlich?  

•Sowie ein Kind Kontrolle über seinen Schließmuskel erlangt hat, wird es auch bestrebt sein, von sich aus sauber und trocken zu bleiben.

Auch hier ist die unbeantworte Frage, die du implizierst: Ist diese 'Bestrebung' anerzogen oder natürlich?

•Der Weg von reflexartiger zu bewusster Entleerung ist ein Entwicklungs- und Reifeprozess des heranwachsenden Kindes und sollte nicht durch "Töpfchentraining" forciert werden.

Wodurch man was fördert, ist sicherlich interessant, beantwortet aber eine andere Frage. Auch die Tatsache, dass ich zu etwas fähig gemacht werden kann als Kind (bewusste Entleerung) beantwortet nicht die Frage nach dem Ursprung des Unwohlgefühls (anerzogen oder natürlich?). Meine Frage wäre hier: Welche Anteile in dem von Dir genannten Prozess der Entwicklung und des Reifens sind anerzogen und welche natürlich bzw. - und da komme ich zu meiner Ursprungsfrage zurück: Ist das Unwohlgefühl des Kindes beim Einpinkeln ohne Erziehung denkbar?

Antwort
von abbel, 41

Schaut man mal in die Geschichte der Naturvölker, kann man davon ausgehen, dass die ganze (moderne) Windelei anerzogen ist. Schon ein Säugling folgt seinem natürlichen Instinkt, sein Nest nicht beschmutzen zu wollen. Dies signalisiert es dadurch, dass es unruhig wird, beispielsweise beim Stillen öfter an und abdockt. Die Lösung in der freien Natur hieß also: Abhalten. Bequemer ist es da schon, eine Windel anzulegen und diesem natürlichen Drang Einhalt zu gebieten. Angenehm waren die ersten Windeln wohl nicht, aber auch daran kann (muss) sich ein Baby gewöhnen können.

Kommentar von evistie ,

Der wichtigste Satz Deiner Antwort ist:

Schon ein Säugling folgt seinem natürlichen Instinkt, sein Nest nicht beschmutzen zu wollen.

Kommentar von Olivenbaum2013 ,

Auf den Erwachsenen übertragen: Man könnte sich ja vorstellen, dass jemand mit einer vollen Blase aus dem Haus geht und anstatt sich Gedanken zu machen, ob er noch kurz umkehren soll, um zu pinkeln oder wo ein Klo auf dem Weg oder am Ziel ist, könnte er auch eine zweite Hose mitnehmen. Diese zweite Hose würde er dann einfach bei einem Geschäft, das in die Hose geht, einfach vor allen Menschen auswechseln. Die Erwachsenen könnten ja auch eine Erwachsenen-Windel tragen. Dieses ethische und ästhetische Weltbild übertragen wir auf unsere Kinder ohne uns zu fragen, was wir den Kindern eigentlich antun (gewiss, es gibt wichtigere Fragen). Gewissermaßen unterstellen wird der Abgewöhnung vom Einpinkeln oder dem Ekel vor Kot und Urin in unserer Nähe eine gewisse 'Natürlichkeit', beschimpfen oder bestrafen stillschweigend - unter anderem aus diesem Grund - andere, wenn sie entgegen unserer - unreflektierter - ethischer und ästhetischer Annahmen handeln.

Antwort
von EinlagenShop, Business, 22

erziehung passiert durch vorleben;)

Kommentar von Olivenbaum2013 ,

Durch bewusstes Vorleben. Unbewusstes Vorleben wäre Prägung. (Eine kleine Unterscheidung aus der Erziehungswissenschaft.)

Abgesehen davon würde ich aber sogar weitergehen: Nicht nur Vorleben auch alle Arten von Geschehnissen. Wenn es das Wort geben würde, könnte man von 'Vorgeschehen' sprechen.

Und interessant hier: Ich sprach ja bis jetzt (s. o.) nur von 'natürlich' und 'anerzogen'. Dann gibt es aber noch die Umwelt, die bewusstlos, die willensfrei handelt, so wie Wassertropfen ins Auge fallen kann. Es ist kein 'natürlicher' Einfluss (ich meine, aus dem Kind selbst heraus, wie die instinktiven Phänomene beim Kind, wie atmen oder Herzschlag), es íst aber auch keine 'erzieherischer' Prozess, weil nicht bewusst. 

Vielleicht muss man beim Einnässen exogene Faktoren insgesamt hinzunehmen. Damit hätten wir die folgenden Faktoren:

  1. Endogene Faktoren (Reflexe, Instinkte)
  2. Exogene Faktoren ohne Bewusstsein (Wassertropfen auf der Haut, Geruch von Dingen, Prägung etc.)
  3. Exogene Faktoren mit Bewusstsein (Erziehung)

Wobei man wahrscheinlich nicht vergessen darf, dass zu den exogenen Faktoren ohne Bewusstsein neben z. B. toter Materie auch Menschen dazuzählen können (was wohl die versteckteste aller Tradierungsformen für Ideale etc. ist).

  

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