Frage von Machris, 17

Habe ich ein Helfersyndrom?

Ich arbeite seit 1996 in der Altenpflege, mache jetzt die Ausbildung zur Examinierten Altenpflegerin und bin im dritten Jahr. Bin 49 Jahre alt, habe drei erwachsene Kinder und auch Enkelkinder . Hatte vor kurzem ein Gespräch mit Schule und Einrichtung da ich sehr unzufrieden mit der Ausbildungssituation im Haus bin. ( zu wenig Personal, kaum Anleitung ect.) Ok mir wurde bewusst, dass ich am System wohl nichts ändern kann, als ich dann aber hörte, dass ich ein Helfersyndrom hätte und mir klar werden müsse ob ich den richtigen Beruf hätte, war ich sprachlos. Ich habe in dem Gespräch kundgetan, dass ich nicht zusehen kann wenn ein alter Mensch ungerecht behandelt wird z.B erst mittags sein Frühstück bekommt oder ähnliches. Mich regt das total auf und im Dienst denke ich, darf mich so etwas auch ärgern. Oder wenn mich die PDL im Frühdienst zum lernen für die Schule einträgt ( ist ja erst mal Klasse), wenn ich dann aber sage, dass meine Kollegin alleine im Dienst ist und noch zehn Menschen zu Versorgen sind und ich dann ein schlechtes Gewissen habe wenn ich mich zurückziehe, wird mir unterstellt dies sei ein Helfersyndrom. Ich nehme meine Arbeit Gedanklich auch manchmal mit nach Hause, ganz besonders wenn so ein Gespräch stattgefunden hat, aber Grundsätzlich kann ich zu Hause abschalten. Habe ich echt ein Helfersyndrom, reagiere ich übertrieben??? Sollen mir alle egal sein.

Antwort
von evistie, 8

Lass Dich bitte nicht beirren - die Zustände in vielen Alten- und Pflegeheimen sind inzwischen so verroht, dass Empathie und Hilfsbereitschaft verächtlich als "Helfer-Syndrom" abgetan, aber nur zu gerne ausgenutzt werden.

Als Du die Zustände in Deinem Ausbildungsbetrieb beschriebst, dachte ich, Du meinst das Pflegeheim, in dem mein Mann 3,5 Jahre pflegerisch vernachlässigt wurde. Die Gründe waren die, die Du geschildert hast: zu wenig Personal, hoher Krankenstand, täglich neue Leasing-Pflegekräfte ohne jeden Bezug zu den alten Menschen... bei meinen täglichen Besuchen habe ich viel - zu viel - gesehen und gehört. Ich weiß noch genau, dass ich 2011, als mein Mann in dieses Pflegeheim kam, von der dortigen Situation positiv beeindruckt war. Die Pflegekräfte waren freundlich und hatten noch Zeit, miteinander und mit den Patienten zu sprechen, zu scherzen und auch die eine oder andere Minute mal "nichts" zu tun im Sinne von "Zeit haben" - für die Belange der zu Pflegenden. Die Abwärtsspirale war deutlich spürbar: immer weniger Kräfte sollten immer mehr leisten,  langjährige gute Pflegekräfte wurden ausgenutzt und "verheizt", das Klima wurde sicht- und hörbar rauer, auch und gerade unter den Pflegekräften, Patienten wurden grob und lieblos behandelt und zum Schluss schwer vernachlässigt. An allem wurde unter dem Aspekt der "Kostenoptimierung" gespart, und wer keine Angehörigen hatte, die wenigstens ab und an mal eine gute Wundsalbe o. ä. auf eigene Kosten mitbrachten, der hatte halt Pech gehabt.

Im letzten halben Jahr gab es eine ! neue Pflegekraft, der die Menschlichkeit noch nicht abhanden gekommen war. Sie dachte ähnlich wie Du und wurde regelmäßig von der PDL und - man staune, sogar den Kollegen !! - zur Schnecke gemacht. Ihre Tage in diesem Heim waren da schon gezählt, weil sie dort nicht länger bleiben mochte.

Du hast recht, das System kannst Du nicht ändern. Investoren werden heutzutage Alten- und Pflegeheime wärmstens empfohlen ("sichere Rendite"), und Du kannst sicher sein, dass auf die PDL ebenfalls Druck ausgeübt wird, und zwar von der Geschäftsführung, die diese Rendite erwirtschaften soll.

Bewahre Dir Dein Mitgefühl für hilfsbedürftige Menschen und lass Dich nicht beirren. Ich bewundere Dich, dass Du immer noch den Willen (und die Kraft) hast, in diesem schweren Beruf zu bleiben und Dich weiterzubilden.

Ich wünsche Dir alles Gute und jede Menge Durchhaltevermögen!

Kommentar von alegna796 ,

Auch ein "Daumen hoch'" für Dich Machris. Wenn es mehr solche Menschen gäbe wie Dich, wäre die Welt ein Stück besser.

Kommentar von Zweimal ,

Leider wurde dieses Projekt eingestellt:

https://www.kritische-ereignisse.de/projektinformationen.html

Wer starke Nerven hat, sollte die Berichte lesen:

...kritische-ereignisse.de/berichte.html

Antwort
von Regenbogen25, 3

Guten Morgen, Machris!

Ich mache auch gerade eine Ausbildung zur Pflegehelferin und bin in ca. 3 Monaten damit fertig. 

Meiner Meinung nach hast du KEIN Helfersyndrom. Eher bist du ein Mensch, der das Herz am rechten Fleck hat. 

Wir, die noch in der Ausbildung sind, lernen ja wie man es machen sollte und was man auf keinen Fall machen darf. 

Eine PDL oder andere, die schon jahrelang da arbeiten, sind Berufsblind. Viele sehen den Menschen dann nicht mehr als Mensch im ganzheitlichen, sondern für die ist diese Arbeit schon in etwa zur ''Fliesbandarbeit'' geworden. Es geht dabei nicht um den Menschen selbst, seine Bedürfnisse oder dergleichen, sondern nur mehr darum, die Arbeit schnell hinter sich zu bringen, damit man eventuell Kaffee trinken gehen kann.

Das du deine Kollegin unterstützen möchtest, zeigt, wie kollegial du bist.

Das du das auch nicht für richtig hältst, dass jemand zu Mittag sein Frühstück bekommt, versteh ich auch vollkommen. Jeder Mensch hat das Recht respektvoll behandelt zu werden und wie schon oben erwähnt, sollte man auf seine Bedürfnisse eingehen können. Und auch wenn der Mensch eventuell krank ist, bettlägerig hat er trotzdem das Recht auf sein Frühstück in der Früh. 

Und wer auf solche Kleinigkeiten nicht achtet, dem ist der Mensch meiner Meinung nach vollkommen egal. 

Also Nein, ich sage, du hast kein Helfersyndrom. Du bist einfach so, wie man in solchen Berufen sein sollte: Emphatisch, respektvoll und achtest auf die Rechte des Menschen. 

Meine Lehrerin in dem Fach ''Pflege alter Menschen'' hat mal etwas gesagt, was mir sofort hängen geblieben ist:

''Je älter man wird, umso mehr weiß man. Je mehr man weiß, umso weniger wird man gefragt!''

Das war, als wir besprochen haben, dass alte Menschen von soooo vielen Leuten einfach ''abgestempelt'' werden. ''Ach, der ist eh alt - ist ja egal,....''

Nein, ist es nicht! Ein Beispiel noch: Ich hatte in meinem Praktikum im Pflegeheim, welches zwei Monate dauerte, eine Frau, etwas älter als 80 Jahre, die nichts essen wollte. Sie war bettlägerig und konnte sich auch verbal nicht äußern. Ihr drohte eine Magensonde. Ich hab mir dann die Zeit genommen und mit ihrer Tochter gesprochen, als sie zu Besuch war und sie gefragt, was ihre Mutter früher gern gegessen hat. Die Tochter hat mir einige Sachen aufgezählt und ich hab dann geschaut, dass ich das aus der Küche bekomme und siehe da, die Dame hat es gegessen und die Magensonde war dann kein Thema mehr. 

Auch das ist kein Helfersyndrom! 

Ich hoffe, meine Antwort konte dir irgendwie helfen.

Liebe Grüße

Antwort
von StephanZehnt, 6

Hallo Machris,

wenn man die Zusammenhänge kennt wie Du dann wird es schon schwierig. Also in einem Pflegeheim zahlt man "bis zu" 4000 €  und wie das dann real aussieht ein gewisser Herr Fussek in München hat das ja immer angeprangert. Das es zu wenig Mitarbeiter gibt - das man Heimbewohner schon einmal etwas extra gibt zum Kaffee das gewisse Bewohner "ruhiggestellt" sind. 

Ich weis nicht ob Richter dann auch einmal nach gewissen Anordnungen überprüfen ob dies auch ein Stück zum Wohl des Heimbewohners war oder schlicht zur Ruhigstellung. usw. usw.

Ich würde Dir raten das Ganze nicht zu stark an Dich ran zu lassen - Du gehst sonst zu schnell moralisch und psychisch am Krückstock. Wenn Du schon ein schlechtes Gewissen bekommst. Ja und dann bekommst Du evtl. auch noch gesagt - wir haben ihnen das ja gleich gesagt

Vor einiger Zeit war groß in den Medien eine Pflegekraft hat eine Heimbewohnerin dement "misshandelt" ganz schlimm. Allerdings hat Niemand danach gefragt wie die Pflegerin den Spagat schaffen soll wenn 8,36 Minuten pro Heimbewohner und einer guten Pflege. Nun die privaten Heimträger werden simpel sagen wenn ihr 6000 € pro Monat bezahlt und bei Demenz 8000 € wird die Pflege auch besser also mehr Personal. Es gibt aber trotzdem noch Heime wo der Heimbewohner Mensch ist und nicht Nummer!

Wenn dann die Frage gestellt wird ob ich den richtigen Beruf habe ist das schlicht eine Einschüchterung nach dem Motto wenn Du nicht mit der Umwelt klar kommst gehst Du besser. Darum würde ich wenn mir etwas richtig stinkt andere Wege finden. Ich hatte ja einen Namen genannt. Alles andere wurde schon gesagt bzw. geschrieben!

Alles erdenklich Gute Stephan

Antwort
von Beavis99, 5

Hallo,

letzendlich haben wir alle in sozialen Berufen bis zum gewissen Grad ein "Helfersyndrom", ich würde es allerdings eher als soziale Kompetenz bezeichnen. Die PDL lässt sich natürlich nur ungern kritisieren, besonders nicht von ihren Schülern.Da Du älter bist als die, die direkt nach der Schule ihre Ausbildung beginnen, hast Du aber natürlich mehr Courage die Missstände anzusprechen. Am besten das Gespräch abhaken. Ich finde , dass Du für den Beruf sogar sehr geeignet bist, dass Du Dir darüber Gedanken machst und Dich kümmerst. Allerdings solltest Du Dir tatsächlich Deine Lernzeit nehmen, auch wenns schwerfällt.Nur, wenn personelle Mißstände auch auffallen, wird die PDL (vielleicht) mal was ändern... Geht halt (leider) immer ums gute Geld.

Alles Gute!

Antwort
von mannomann, 3

ich finde deine einstellung richtig

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