Frage von 1312ftp, 185

Fentanyl-Pflaster und Citalopram: Wie hoch ist das Risiko ein Serotonin-Syndrom zu entwickeln

Meine 79jährige Mutter bekommt seit 2 Jahren Citalopram. Vor ein paar Tagen bekam sie in der Tagesklinik Fentanyl-Pflaster gegen durch Arthrose bedingte Schmerzen. Bereits einen Tag später bemerkte ich wie ihr Allgemeinzustand schlechter wurde. Sie klagte über Durchfall, Schwindel, konnte dann im Verlauf der nächsten 2 Tage plötzlich weder lesen noch zählen, und wurde zunehmend wirr. Als sie dann eine Nacht auf einmal halluzinierte rief ich den Arzt in der Tagesklinik an. Der glaubte meine Mutter wäre vielleicht plötzlich psychotisch. Kein Wort über die geänderte Medikation hat er verloren.

Am darauffolgenden Morgen war meine Mutter plötzlich in einem heftigen Erregungszustand. Sie rannte in der Wohnung hin und her, redete ganz schnell aber ergab überhaupt keinen Sinn. Unter dem Tisch sah sie plötzlich Leute sitzen die sie mir immer zeigen wollte, sie war sehr aufgeregt und hatte heftige Halluzinationen. Der Zustand machte auf mich einen sehr bedrohlichen Eindruck.

Ich bin dann mit ihr in die Klinik gefahren, dort konnte ich auf dem Monitor ihren Blutdruck verfolgen der stark schwankte. 149 / 43 ist aber der einzige Wert den ich mir merken konnte. Sie wurde jedenfalls erstmal stationär aufgenommen. Ich teilte mit das ich den Eindruck hätte, der Zustand hängt mit dem Pflaster zusammen. Das wurde völlig ignoriert.

Als ich dann abends zu Hause mal nachgeforscht habe stolperte ich über eine Warnung bezüglich der Kombination Fentanyl/Citalopram.

Diese ganz bestimmte Kombination soll das Risiko eine gefährlichen Form des Serotonin-Syndroms zu entwickeln signifikant erhöhen, und seit 2013 wird in Apothekerrundbriefen davor gewarnt. Die Symptome die meine Mutter zeigte passen ziemlich genau. Von 17Symptomen die ich finden konnte, zeigte sie 13.

Ich teilte das den Ärzten mit, was aber niemand interessierte. Das Syndrom sei so extrem selten, es könne nahezu ausgeschlossen werden. Mein Einwand das die besagte Kombination das Risiko erhöhe verhallte ungehört. Die wollten ihr sogar wieder ein Pflaster geben, was ich rigoros ablehnte. Seitdem erholt sie sich zusehends.

Kennt jemand die Gefährlichkeit besagter Kombination genauer?

Hilfreichste Antwort - ausgezeichnet vom Fragesteller
von bobbys, 171

Hallo,

da ich selber schon mal ein Serotonin-Syndrom hatte ,gebe ich dir völlig recht bei deiner Vermutung. Leider kümmert sich heut zu tage kaum noch ein Arzt um die Medikamenten Wechselwirkungen, denn schließlich ist jeder Arzt nur noch mit seinem Fachgebiet und den dazugehörigen Medikamenten beschäftigt. Dabei ist es eigentlich bekannt das Schmerzmittel wie z.B NSAR und Opiate in den Serotoninhaushalt eingreifen ,leider wissen das meistens nur die Patienten selber und die belesen sich auch über Wechselwirkungen. Das schlimme ist nur ,wenn dann ein Pat. dem Arzt mitteilt ,was er gelesen hat oder vermutet ,dann wird dieser mit einer überheblichen Arroganz ignoriert. Im übrigen ist dieses Syndrom überhaupt nicht selten und wird durch zu schneller Medikamentenerhöhung /Überdosierung ausgelöst. Oftmals bei Antidepressivum ,welche dann durch den Hausarzt verschrieben wurden und nicht vom Facharzt. Deine Mutter kann froh sein ,das sie solche Wachsame Tochter /Sohn neben sich hat. Ich persönlich möchte nie wieder ein Serotonin -Syndrom durch machen. Ich möchte dir noch empfehlen bezüglich der Schmerzen deiner Mutter mal einen Schmerztherapeuten aufzusuchen. Der Schmerztherapeut richtet die Therapie genau auf die Bedürfnisse deiner Mutter aus und hat auch die Medikamente mit im Auge.

LG bobbys

Kommentar von rulamann ,

SUPER ANTWORT!!!!!

Kommentar von bobbys ,

:-))) Danke!

Kommentar von Emelina ,

Sehr gute Antwort! ...da kann ich rulamann nur zustimmen!

Kommentar von 1312ftp ,

Hallo, das ist eine fantastische Idee, ich werde ich mich umgehend umsehen nach einem Therapeuten. Vielen Dank für diesen Tip! Ich finde es sehr interessant das Sie als Betroffener Parallelen ausmachen konnten. Ich dachte schon ich spinne vielleicht.

Kommentar von bobbys ,

Vielen Dank für den Stern:) und Alles Gute für Sie und ihrer Mutti. LG bobbys

Antwort
von StephanZehnt, 119

Hallo ...,

ich würde an Deiner Stelle einmal einen dieser Artikel ausdrucken (Pharmazeitung oder diesen hier. http://www.aerztekammer-bw.de/10aerzte/20fortbildung/20praxis/88arzneimittelther... Leider beachten Ärzte zu selten die Wechselwirkungen bei Medikamenten bei Senioren. Vor allem wenn sie bedingt durch Erkrankungen nicht wenige Medikamente haben. Ich würde wenn es geht mich an einen Facharzt für Geriatrie wenden (siehe z.B. bei Jameda.de). Da gibt es eine Art Liste.

Oder das zumindest der Hausarzt überwacht (Wechselwirkungen) was Deine Mutter so bekommt. Nicht zufällig gibt es da eine Priscusliste mit Medikamenten die für Senioren ab 65 J. ungeignet sind. Auf Deutsch ein Arzt sollte unbedingt die Medikation überwachen.

VG Stephan

Kommentar von 1312ftp ,

Hallo, auch Ihnen ein Dankeschön für Antwort und Links. Die Hausärztin ist leider sehr desinteressiert. Das meine Mutter Diabetes hat haben wir z.B. nur erfahren weil wir sie konkret nach den Werten fragten. Da wird 4x im Jahr Blut abgenommen und ins Labor geschickt, und die Frau guckt sich einfach die Ergebnisse nicht an. Leider kann ich meine Mutter nicht zu einem Wechsel überrreden, sie kennt die schon so lange. Insgesamt habe ich in dieser Sache mit 7 oder 8 Ärzten gesprochen, ernst genommen hat mich keiner davon. Als ich jetzt den Arztbrief zur Hausärztin brachte, fragte ich was sie davon hält. Sie meinte es sei doch völlig wurscht was es nun genau war, wichtig ist lediglich das es meiner Mutter wieder besser geht. Mit so einer Aussage kann ich einfach nichts anfangen. Ich muss doch wissen ob es sich nicht vielleicht um eine Kondition handelt die jetzt öfter eintreten kann, in dem Fall muss man sich doch auch in gewisser Weise darauf vorbereiten. Ganz spurlos ist das an mir nun auch nicht vorbeigegangen. Von daher wäre es schon gut zu wissen woran es nun lag. Ich will aber auf keinen Fall den Eindruck entstehen lassen ich gebe jetzt allen Ärzten die Schuld oder so, ganz und gar nicht, wahrscheinlich hab ich einfach nur Pech gehabt.

Kommentar von francis1505 ,

Das ist schon traurig, dass man sich erst an ein Laienforum wenden muss, um Ernst genommen zu werden :-(

Von wem erhält deine Mutter denn das Citalopram? Auch von dieser ominösen Hausärztin? Dann wäre evtl ein Besuch bei einem Neurologen/Psychiater nicht verkehrt, spätestens der sollte über das Serotonin-Syndrom Bescheid wissen!

Kommentar von 1312ftp ,

Ja von der Hausärztin. Am liebsten wäre mir wir würden das Citalopram ausschleichen. Meine Mutter war nie so schwer depressiv das es nicht auch ohne gehen würde. Ist es normal das einfach Antidepressiva verschrieben werden, aber an der vermeintlichen Depression an sich gar nichts getan wird? Davon abgesehen war meine Mutter damals lediglich leicht verstimmt, ich würde es noch nichtmal Depression nennen. Sofort bekam sie Medikamente und das war es. Niemand überprüfte ob und wie sich das Befinden geändert hat, und ob das Citalopram überhaupt noch nötig ist. Bekommt man so etwas immer gleich auf Lebzeiten? Die Hausärztin lehnt diesen Vorschlag aber ab. Man könnte höchstens überlegen auf Venlafaxin umzustellen sagt sie, ohne sich ein Bild von der aktuellen Verfassung gemacht zu haben. Das ist schon alles sehr komisch finde ich, aber ich habe wahrscheinlich völlig falsche Vorstellungen von einer angemessenen Behandlung....

Ein ganz besonderes Dankeschön an Dich, das Du Dir die Zeit genommen hast auf alles was ich hier von mir gegeben habe zu antworten.

Kommentar von bobbys ,

Psychopharmaka gehören nicht in Hausarzt Hände,sondern dafür gibt es Fachärzte Neurologen/Psychiater. Es ist nicht normal das Antidepressiva einfach so verschrieben werden ohne ausreichende Diagnose und weiteren Therapiemaßnahmen z.B Psychotherapie, Ergotherapie oder auch eine Psychosomatische Reha. Außerdem wird man bei dem Facharzt regelmäßig einbestellt und das Befinden wird besprochen und die Medikamente angepasst, deshalb immer einen Facharzt aufsuchen,denn dafür sind diese da:) Du hast genau die Richtige Vorstellung von einer angemessenen Behandlung ,denn genau diese wollen ja die Ärzte auch für sich und ihre Angehörigen ,das vergessen diese bloß immer wieder.LG bobbys

Antwort
von GeraldF, 100

Dieses Syndrom habe ich selbst noch nicht gesehen, aber nach dem, was Sie beschrieben haben, ist es gut möglich, dass diese Interaktion hier die Ursache der Störung ist. Die Ignoranz der behandelnden Ärzte ist unverständlich. Zumal allein diese Fentanylpflaster auch unabhängig von diesem seltenen Syndrom nicht selten in der Anfangsphase vielfältige Nebenwirkungen zeigen (Übelkeit, Erbrechen, Müdigkeit, Obstipation usw.). Ein Zusammenhang zwischen einer neuen Medikation und neuen Symptomen sollte daher immer in Betracht gezogen werden.

Es gibt Untersuchungen dazu, das Medikamentenwechselwirkungen in Ihren Auswirkungen (auch von den Ärzten) noch immer völlig unterschätzt werden.

Kommentar von 1312ftp ,

Danke für Ihre Antwort. Genau so sehe ich das auch. Interessant finde ich auch das der Arzt in der Tagesklinik es nicht für nötig hielt mich über die Pflaster zu informieren. Da ich meiner Mutter die Medikamente jeden Tag zurechtlegen muss, was auch bekannt ist. Meine Mutter bekam einfach ein Tütchen mit mehreren Pflastern in die Hand gedrückt, damit wir die wechseln. Aber ich muss bzw. möchte bei einer Änderung der Medikation eigentlich persönlich informiert werden.

Kommentar von francis1505 ,

So wie du schreibst, nehme ich an, dass du die gesetzliche Betreuung für deine Mutter inne hast?

Ich kann dir nur eine Anekdote von mir noch erzählen: meine Mutter sollte eine künstliche Hüfte bekommen. Aufgrund diverser OPs vorher und des geistigen Zustandes wäre ne Rückenmarksanästhesie die bessere Wahl gewesen. Hab also mit dem Arzt gesprochen, der die Narkose machen sollte. Als er mich fragte, ob ich selber Ärztin wäre, ich dies verneinte und antwortete, ich wäre Rettungsassistentin, war für ihn das Gespräch inhaltlich beendet.

Es spielt also keine Rolle, ob man interessierter Laie oder Fachpersonal ist, Arzt ist Arzt bleibt Arzt weiß alles besser.

(PS: ich spiele mit meinem Psychiater gelegentlich Quizduell und manchmal kämpft dann er mit den Körper & Geist Fragen :-))

Antwort
von francis1505, 71

So sind sie leider oftmals, die lieben Halbgötter in weiß. Häufiges ist häufig und seltenes ist selten. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass etwas seltenes grundsätzlich ausgeschlossen werden darf.

Ich hab vor knapp zwei Jahren diese Wechselwirkung bei einem anderen Opioid gelesen. Deswegen halte ich deine Reaktion für absolut angemessen, da es sich um eine nicht zu unterschätzende Gefahr handelt.

Diesen Artikel hast du wahrscheinlich bereits gelesen, oder?

http://www.pharmazeutische-zeitung.de/index.php?id=45606&no_cache=1&

Leider finden solche wichtigen Infos auch nicht immer schnell genug den Weg zu den richtigen Stellen oder werden wirklich Ernst genommen. Sofern deine Mutter weiterhin mit starken Schmerzmitteln behandelt werden muss, sollte das Citalopram berücksichtigt oder ggf umgestellt werden.

Kommentar von 1312ftp ,

Hallo, vielen Dank für die Antwort und den Link. Richtig vermutet, den Link kannte ich, aber er wird sicher für andere hilfreich sein, die dieses Thema hier gefunden haben. Nachdem ich die Warnungen entdeckt hatte war ich am Morgen zur Visite im Krankenhaus. Meiner Mutter ging es da noch sehr schlecht, und irgendjemand musste ja für sie sprechen, sie war da selbst noch gar nicht in der Lage zu erzählen was passiert war. Es war Chefarztvisite, 3 Ärzte im Raum, und ein Haufen Studenten. Ich habe im Verlauf erzählt was ich gelesen hatte, danach war ich völlig unten durch. Es war gar nicht meine Absicht die Ärzte zu belehren, und ich wollte auch niemand die Schuld zuschieben. Ich dachte vielmehr, vielleicht wissen die das noch gar nicht. Die Warnungen sind von 2013, meiner Meinung nach kann man einfach nicht erwarten das jeder Arzt bei allen Medikamenten ständig die neusten Informationen parat hat. Da war ich wohl zu blauäugig. Ich habe meine Worte extra mit Bedacht gewählt um niemand auf den Schlips zu treten, und dafür konterten die Ärzte mit Hohn und Spott, und waren auf eine herablassende Art beleidigend. U.a. durfte ich mich als dumm bezeichnen lassen, da musste ich schon schlucken. Also selbst wenn ich dumm wäre, ist es trotzdem völlig daneben so etwas zu sagen. Der Stationsarzt sagte dann noch wortwörtlich eine Interaktion mit Citalopram könne man definitiv ausschliessen. Ich konnte mir nicht verkneifen zu sagen das ich diese Aussage ganz erstaunlich finde, ungeachtet des Zustands meiner Mutter. Danach bin ich gegangen, ich fühlte mich hilflos und war ziemlich sauer.

Kommentar von francis1505 ,

Das kann ich verstehen. Aber diese möglichen Interaktionen habe ich bei Tramal auch schon gelesen, was ja auch ein Opioid ist.

Falls du irgendwie die Möglichkeit hast, lass deine Mutter verlegen, notfalls zahl den Transport aus eigener Tasche, wenn Auto fahren nicht geht. Kostet nicht die Welt.

Scheinbar nutzt reden mit den Ärzten nichts mehr, da muss man anderweitig gegen halten.

Antwort
von 1312ftp, 58

Danke an alle die sich beteiligt haben, ihr habt alle sehr hilfreiche und gute Antworten geliefert. Sehr freundlicher Umgangston hier, großes Lob von mir. Vielen Dank für Eure Hilfsbereitschaft, Steffen

Kommentar von bobbys ,

Hallo Steffen ,

Vielen Dank für das Lob an "Alle" beteiligten ,das hört man nicht oft bzw. viele Fragesteller reagieren nicht mal auf die Antworten die sie bekommen. Falls Du mal wieder eine Frage hast ,kannst Du mit Sicherheit auf eine Antwort hoffen .....versprochen :) LG bobbys

Keine passende Antwort gefunden?

Fragen Sie die Community

Weitere Fragen mit Antworten