Frage von Lisa2015, 30

Demenz und Psychopharmaka

2012 wurde mein Vater damals (77) zunehmend vergeßlicher. Ein Neurologe verordnete Memantinhydrochlorid-biomo 20 mg. Daraufhin wurde er in der Motorik immer langsamer. Im Großen und Ganzen war er aber bis Oktober 2014 noch relativ fit. Man konnte sich mit ihm immer noch unterhalten, er liebte Spaziergänge, ging alleine zur Toilette, konnte selbst essen und trinken. Kurz gesagt, wer nicht wußte, dass eine Demenz diagnostiziert wurde, merkte davon gar nichts. Meine Mutter konnte allerdings mit dem körperlichen und geistigen Abbau meines Vaters nicht umgehen und behandelte ihn wie einen Gesunden, der sie nur ärgern will. Sie nahm auch keine Hilfe an und wurde zunehmend hysterischer. Zog sich mein Vater z.B. die Schuhe nicht schnell genug an, schlug sie nach ihm, schrie und weinte.

Ab Sommer 2014 hatte er Probleme sich richtig auf die Toilette zu setzen, so dass auch mal was daneben ging. Da meine Mutter psychische Probleme hat, es gab auch eine jahrelange Tablettenabhängigkeit von Adumbran, Schlafstörungen, Putzwahn und einen ausgeprägten Realitätsverlust, wurde nur noch rumgebrüllt. Sehr schlimm war, dass sie meinem Vater genügend Wasser verweigerte, weil er ja dann öfter aufs Klo mußte. Er durfte selbst im Hochsommer nur weniger als 0,3 Liter Wasser pro Tag trinken.

Er wurde dann aggressiv. Allerdings äußerte sich dies nur in Worten, wie z.B. "Ich kann es nicht mehr aushalten, ich werf dich vom Balkon, lass mich in Ruhe, geh weg, ich bring mich um...." Manchmal zeigte er auch die Faust.

Der Hausärztin, die meine Eltern kaum kannte, da meine Mutter aufgrund ihres Tablettenmißbrauchs häufig die Ärzte wechselte, wurde alles übertrieben dargestellt. Diese ließ dann das Memantinhydrochlorid-biomo 20 mg absetzen und verordnete Risperidon. Das war Anfang November 2014.

Von einem Tag auf den anderen konnte er nicht mehr laufen und stehen. Er litt an Verstopfung aufgrund des wenigen Wassers und doch gutem Essverhalten. Meine Mutter verabreichte ihm ein Abführmittel, was vor operativen Eingriffen gegeben wird, worauf sich natürlich starker Durchfall einstellte.

Er rief, dass er aufs Klo müsse, da er aber nicht mehr laufen konnte und auch plötzlich sehr zittrig und sehr verkrampft war, zog sie ihm Pampers an und sagte, dass er in diese machen müsse und ließ ihn Stunden drin liegen.

Er baute innerhalb zwei Wochen rapide ab. Er verkrampfte sich immer mehr und litt an Angstzuständen. Daraufhin verschrieb die Hausärztin zusätzlich zum Risperidon, Baclufan und Tavor. Er schlief nur noch und konnte kein Essen mehr zu sich nehmen. Zwei Wochen später war er tot, verhungert und verdurstet,weil er laut Patientenverfügung keine Sonde wollte, was die Hauärztin auch ablehnte.

Ich hatte null Mitspracherecht und werde nun nicht fertig damit. Meiner Meinung nach starb mein Vater nicht an Demenz sondern an Lieblosigkeit und den Medikamenten.

Darf man die o.g. Medikamente überhaupt kombinieren? Soll ich die Hausärztin bei der Kassenärtzlichen Vereinigung melden?

Antwort
von evistie, 25

Hallo, Lisa! Zunächst einmal mein herzliches Beileid zum Tod Deines Vaters. Ich kann Deine Gefühle der Wut, Hilflosigkeit und Trauer sehr gut verstehen, ist doch mein an Demenz erkrankter Mann Anfang dieses Jahres unter ähnlichen Umständen ums Leben gekommen.

Wegen "ungeklärter Todesursache" wurde mein Mann sogar obduziert, und ich hatte zu entscheiden, ob ich Strafanzeige gegen die behandelnde Ärztin bzw. das Pflegeheim erstatte. Denn auch mein Mann wurde pflegemäßig vernachlässigt, falsch behandelt und ist letztlich total ausgetrocknet elendig an einer Darmentzündung gestorben, die nicht behandelt wurde.

Du wirfst Deiner Mutter Lieblosigkeit und den Ärzten Behandlungsfehler vor. Zu den verabreichten Medikamenten kann ich nur sagen: eine wüste Mischung, deren Wechselwirkungen sich nur annähernd beurteilen lassen. Ich habe mir in diesem Punkt sagen lassen müssen, es sei dennoch ziemlich aussichtslos, das vor Gericht zu bringen.

Was Deine Mutter angeht, will ich ihr Verhalten gewiss nicht entschuldigen, aber ich kann es Dir vielleicht erklären, denn ich habe meinen Mann auch fünf Jahre daheim gepflegt, ehe ich ihn ins Pflegeheim geben musste. Und in diesen Jahren haben sich bei mir riesige Aggressionen gegen meinen Mann aufgebaut, die einfach aus der Überlastung durch den täglichen 24-Stunden-Dienst kamen. Die letzten zwei Jahre daheim konnte ich beispielsweise keine Nacht mehr ruhig schlafen, weil mein Mann beim Gang aufs Klo oft stürzte (und das bei seinem Prostataleiden...) und ich daher ständig lauschen musste, ob er aufsteht. Deine Mutter, selbst psychisch krank, wird gnadenlos überfordert gewesen sein und, statt sich die notwendige pflegerische Hilfe für Deinen Vater zu holen, hat sie ihre Aggressionen an ihm ausgelassen. Das ist sehr schwer für Deinen Vater gewesen und sehr traurig für Dich, es zu wissen.

Du wirst einige Zeit brauchen, um den Tod Deines Vaters und vor allem die Umstände, die dazu geführt haben, zu verarbeiten. Vielleicht hilft Dir folgender Gedanke dabei:

Die Alzheimer-Demenz ist die schlimmste unter den Demenzen, weil der Verfall des erkrankten Menschen sehr schnell geht ("sehr schnell" ist relativ - zwei, drei Jahre ständigen Verfalls können für Angehörige sehr lang sein). Dein Vater hat in seiner Patientenverfügung gewollt, dass sein Leben nicht "um jeden Preis" erhalten bleiben soll (Ablehnung der Sonde). Da wäre dieser relativ schnelle (wenn auch elendige) Tod vielleicht sogar eher in seinem Sinne gewesen als langes Siechtum. Mein Mann musste sich fast vier Jahre quälen, "gut gepflegt", aber zuletzt inkontinent, bettlägerig, fast blind und ohne Sprache. Mehrfach hat er versucht, seinem Leben selbst ein Ende zu setzen, bis er auch dazu zu schwach war. Ich "tröste" mich mit dem Gedanken, dass der Tod für ihn Erlösung war. Vielleicht kannst Du es eines Tages auch so sehen.

Ich wünsche Dir alles Gute und viel Kraft für die kommende Zeit.

Kommentar von Ente63 ,

@evistie, Daumen hoch für diese Antwort, besonders für deine ehrlichen und aufrichtigen Worte.

Antwort
von gerdavh, 30

Hallo, vorab erstmal mein herzliches Beileid. Zu Deinen Ausführungen habe ich folgendes anzumerken. Es liegt in der Natur des Menschen, dass er einen Schuldigen suchen möchte ,wenn schlimme Ereignisse eingetreten sind. Die medikamentöse Behandlung, die zum Schluß erfolgte, war sicherlich nicht gut für Deinen Vater. Aber das Verhalten Deiner Mutter war ja wohl der Hauptgrund für diese schlimme Entwicklung. Als nächstes könntest Du Dir selbst den Vorwurf machen, dass Du niemals die Vormundschaft für Deinen Vater beantragt hast, damit Deine Mutter keinen Einfluß mehr nehmen kann. Aber was bringt Dir das im nachhinein? Schuldzuweisungen und schlechtes Gewissen bringen Dir Deinen Vater nicht mehr zurück. Versuch es so zu sehen, wie @evistie es beschrieben hat: Dein Vater hat jetzt keine Schmerzen mehr, er hat nichts mehr auszuhalten - er hat seine Ruhe gefunden. Wenn Du das so sehen kannst, wird es Dir hoffentlich auch besser gehen. -- Im Grunde kann ich Dich gut verstehen. Als meine Mutter zunehmend an Alzheimer litt, hatte sich meine Familie dagegen verwehrt, sie in ein Altenheim zu geben (zu teuer!!). Mein Vater ist mit ihr, zumindest was ich mitbekommen habe, zum Schluß immer lieblos umgegangen. Ich hatte ihm mehrmals gesagt, er solle sich doch mal auf Veranstaltungen über dieses Erkrankung informieren, aber nein - das hatte er ja nicht nötig. Wahrscheinlich konnte er auch nicht mehr und war völlig überfordert - aber ich nehme ihm das heute noch übel. Ich habe damals versucht über das Gericht die Vormundschaft zu erhalten, aber ohne mein Wissen hatten das bereits meine Schwestern geregelt und die Vormundschaft erhalten. Das habe ich dann vom Gericht erfahren müssen, da es keiner meiner Familie für nötig hielt, mich da vielleicht auch mal zu fragen oder wenigstens zu informieren. Ich schreibe Dir das, weil es im Leben leider schlimme Vorkommnisse gibt, die man nicht ändern kann und mit denen man sich am besten abfindet. In Deinem Fall ist das so. Ich hoffe sehr für Dich, dass Du damit irgendwann abschließen kannst und empfehle Dir einen Besuch bei einer Trauergruppe. Alles Gute. lg Gerda

Antwort
von StephanZehnt, 21

Hallo Lisa,

als Nebenwirkung ist bei den Medikamenten Verstopfung / Muskel- Zittern bzw. Schäche / eingeschränktes Reaktionsvermögen , Erbrechen udgl. als Nebenwirkung angegeben. Risperidon - CT 1mg Schmelztabletten (Risperidon) (gegen Schizophrenie) Bei älteren Patienten mit Demenz besteht ein erhöhtes Risiko für einen Schlaganfall. Sie sollten kein Risperidon anwenden, wenn Sie an einer Demenz leiden, Baclofen AL 25 Tabletten (Baclofen) (Muskelrelaxantien)

Nun ich schätze wenn Du gegen die Ärztin vorgehen willst müsstest Du auch Deine Mutter anzeigen. Ich kenne die genauen Zusammenhänge nicht und möchte nicht Jemand vor verurteilen.

Auch Deine Mutter hat dazu beigetragen das dies so geendet ist - wie Du auch schreibst. Man muss allerdings schon psychisch gut dran sein wenn man einen dementen Menschen betreuen und pflegen soll.

Mein ehemaliger Vermieter hatte auch Demenz und immer mitten in der Nacht schrie er nach seiner Frau. und dann stand man halt im Bett.

http://www.pkgodzik.de/fileadmin/user_upload/Trauerbegleitung/Trauerangebote_Lue... Da könnte man erfahren ob es in Deiner Nähe entsprechende Möglichkeiten der Trauerbegleitung gibt.

VG Stephan

Antwort
von sonne123, 18

Hallo Lisa,

mein herzlichstes Beleid,liebe Lisa.Ich kann dich und deine Gefühle sehr gut verstehen.Mein Vater starb nach fast 10 Jahren Abschied in Raten aufgrund dieser Krankheit im beisein der Familie einen Tag vor seinem Geburtstag.Es ist ohne Frage schlimm mit der Demenz und dem zunehmenden Verfall geistig,wie auch körperlich umzugehen und deine Mutter wird ganz sicher mit der Situation überfordert gewesen sein.Auch meine Mutter konnte es einfach nicht akzeptieren,was sich in zeitweisen lautstarken verbalen Äußerungen zeigte.Mir hat das sehr weh getan für meinem Vater,aber zugleich auch Gefühle des Verständnisses für meine Mutter.....man möchte,das es beiden gut geht,aber letztendlich war es mir nicht möglich.

Ich kann mich nur der Antwort von @ evistie anschließen.

Liebe Grüße und von Herzen ganz viel Kraft!

Antwort
von Shivania, 18

Mein herzliches Mitgefühl zum Tod Deines Vaters - vor allem bei diesen Umständen.

Auch anderen geht es so, dass sie so eine schlimme und schwere Zeit kaum verkraften und Unterstützung brauchen, um das alles zu verarbeiten. Es ist sicher kein Trost zu wissen, dass es auch anderen so geht. Aber es kann helfen zu wissen, dass man nicht alleine damit ist.

Bitte hole Dir Hilfe von jemandem, der sich in Trauerbegleitung auskennt. Am besten, Du kontaktierst ein örtliches Hospiz, die haben die Kontakte zu den professionellen Helfern, die sich auskennen.

Alles Gute

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